- HOME>
- TORWART MAGAZIN>
- ELFMETER> ZAHLENSPIEL
Der Elfmeter in der Mathematik
Fotos: eibner-pressefoto
Allerdings sollte man Torhütern nicht zu viel Hoffnungen machen, denn Sandra
Johanni, selbst Torhüterin in der Frauenmannschaft des SC Regensburg, kommt in einer Untersuchung am Institut für Mathematik der Uni Erlangen-Nürnberg in ihren Berechnungen zum Schluss, dass der Torhüter rein rechnerisch chancenlos ist, wenn der Ball platziert geschossen wird. So braucht der Ball, der eine Geschwindigkeit bis zu 100 km/h erreicht, bis zum Tor nur etwa eine halbe Sekunde. Auch sehr gut trainierte Torhüter benötigen eine Reaktionszeit von mindestens einer Viertelsekunde. Also bliebe dem Torhüter noch eine Viertelsekunde, um den Ball zu erreichen. Um den gut geschossenen Ball abwehren zu können, müsste er mit einer Geschwindigkeit von 35 km/h durch die Luft fliegen. Das ist ihm aber unmöglich, denn er müsste aus dem Stand schneller sein, als ein Hundertmeterläufer sprintet. Ein Torwart kann also gar nicht schnell genug sein, um einen guten Schuss zu parieren. (Das genaue Ergebnis von Johannis Untersuchung könnt ihr hier nachschauen). Daher machen schon viele Torhüter automatisch das, was ihre Chance erhöht: Sie entscheiden sich für eine Ecke, die sie gezielt und im Hechtsprung ansteuern. Dadurch sparen sie die Reaktionszeit ein und müssen nach den Berechnungen Frau Johannis nur noch 18 km/h erreichen, was für einen austrainierten und dadurch explosiven Torhüter ein erreichbarer Wert ist.
Ein platzierter Schuss in die Ecke ist normalerweise für Profifußballer kein Problem. Ein Problem entsteht für sie aber durch die spezielle Situation, in der sich der Schütze befindet. Denn von ihm wird erwartet, dass er den Elfmeter „versenkt“. In dieser Situation werden enorme Stresshormone ausgeschüttet. Verstärkend zu diesem inneren Erwartungsdruck kommen die äußeren Einflüsse hinzu (Atmosphäre in Stadion, Verriss in den Medien bei Versagen …). "Der Einzige, der verlieren kann beim Elfmeter, ist der Schütze", stellte Oliver Kahn einmal fest. Alle diese negativen Gedanken muss der Schütze ausschalten, alle Ablenkungen von außen durch einen „Tunnelblick“ beiseite schieben können. Er muss sich also allein auf den richtigen Bewegungsablauf beim Schuss konzentrieren können.
Und darin liegt für den Torhüter die große Chance: Er muss versuchen, den Schützen in der Konzentration auf den sicheren Bewegungsablauf zu stören und zu verunsichern.
Dies kann er durch Bewegungen erreichen, die die Konzentration des Schützen beeinträchtigen: Durch rudernde Armbewegungen, durch Trippeln mit den Beinen, oder durch Aktionen, wie sie Jens Lehmann bei der WM 2006 vorführte, indem er einen Zettel aus dem Stutzen hervorzog, dessen Inhalt für den Schützen unbekannt war, er sich dadurch verunsichern ließ und den Strafstoß verschoss. Wer Edwin van der Sar (Manchester United) im Champions-League-Finale im Mai 2008 beim Elfmeterschießen beobachtete, konnte unschwer feststellen, dass er mit ähnlichen Methoden arbeitete. So brauchte er extrem lange, bis er seine Position im Tor eingenommen hatte, der Schütze sollte dadurch in seiner Konzentration gestört werden. Im Tor angekommen, nahm er die Hände nach oben und zeigte somit dem Schützen seine Größe und sein Selbstbewusstsein an. Allein diese mächtige Körpersprache sollte dem Schützen Versagensangst einflößen. Nachdem dies alles nichts nützte, zeigte er kurz vor der Ausführung des Strafstoßes dem Schiedsrichter noch einmal an, dass der Ball falsch liege, um den Schützen wieder aus der Konzentrationsphase zu bringen.
HOME


