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Interview mit Thorsten Kirschbaum (TSG Hoffenheim)
von Artur Stopper (2007)
Gute junge Torhüter wachsen momentan in Deutschland nach. Dazu zählt auch Thorsten Kirschbaum. Seit Jahren durchwandert er die deutschen Nachwuchsnationalmannschaften. Mit seinen gerade einmal 19 Jahren gehört er schon zum Kader der U 21-Nationalmannschaft, der Talentschmiede des deutschen Fußballs. Bevor er sich verletzte, war er trotz seiner jungen Jahre und guter Konkurrenz bereits Stammtorhüter beim wahrscheinlich zukünftigen Zweitligisten TSG Hoffenheim. Goalkeeping.com sprach mit dem talentierten Nachwuchstorhüter …
Zunächst einmal Gratulation zu deiner Nominierung in der U 21-Nationalmannschaft. Mit noch 19 Jahren (am 20.4. wirst du 20 Jahre alt) bist du bereits für die U 21-Nationalmannschaft nominiert. Eine besondere Auszeichnung für dich?
Kirschbaum: Natürlich freut man sich da. Nach der U 19 wurde ich jetzt in die U 21 nominiert, da die U 21 und die U 20 zusammengeschlossen wurden.
Du wechseltest 2004 von der Jugend des 1.FC Nürnberg zu der TSG Hoffenheim. Warum wechselt man vom 1.FC Nürnberg gerade zur TSG Hoffenheim?
Kirschbaum: (schmunzelt) Ich habe ja 5 Jahre in Nürnberg gespielt und habe sehen können, wie es in Nürnberg mit den ganzen Jugendtorhütern vor mir gelaufen ist. Die Jugendspieler hatten meistens nach der B-Jugend einen Dreijahresvertrag erhalten, 2 Jahre A-Jugend und 1 Jahr Amateure. Danach war für die meisten Schluss. Ich hatte mir gedacht, dass es bei mir genauso laufen könnte. Mein A-Jugendtrainer Uwe Wolf, der früher einmal in Nürnberg gespielt hatte, bat mich, mir einmal das Konzept in Hoffenheim anzusehen. Meine Erwartungen waren nicht sehr groß. Umso erstaunter war ich, als ich sah, was einem in Hoffenheim von den Trainingsmöglichkeiten und Trainingsanlagen her geboten wurde. Da könnten sich viele Bundesligisten eine Scheibe abschneiden. Da Hoffenheim ein aufstrebender Verein ist, habe ich dieses Angebot als Chance gesehen, und es hat ja auch geklappt.
Die ersten 8 Spiele dieser Saison warst du die Nr. 1 bei der Regionalligamannschaft der TSG Hoffenheim. Dann hast du deinen Stammplatz an den ehemaligen U-21-Nationaltorwart Daniel Haas verloren. Trotzdem hält Dieter Eilts an dir fest. Er scheint an deine Leistungsstärke zu glauben …
Kirschbaum: Ich habe die ersten 8 Spiele gemacht, habe auch relativ gut gehalten. Dann habe ich mich im Training am Ellbogen verletzt, so dass Daniel Haas in die Mannschaft rutschte. Ich war 3 Monate außer Gefecht. Vor der Winterpause konnte ich nur noch 1 Spiel in der Oberligamannschaft absolvieren.
Nachdem Daniel Haas in meiner Abwesenheit gut gehalten hatte, gab es für den Trainer natürlich keinen Grund, die Torhüterposition zu wechseln. Es ist für mich natürlich ärgerlich, dass diese Verletzung passiert ist.
Du stehst am Anfang deiner Karriere. Welche Träume hat ein junger, talentierter Torhüter am Beginn seiner Laufbahn?
Kirschbaum: Ich denke jeder hat den Traum einmal in der Bundesliga oder international zu spielen. Träumen kann man viel, aber man muss daran arbeiten.
Hast oder hattest (lacht) du einen Torhüter als Vorbild?
Kirschbaum: Ja, Jens Lehmann. Mir gefällt seine Art des Torwartspiels, wie er mitspielt und das Spiel von hinten lenkt, immer wieder anspielbar ist und das Spiel öffnet, das ist schon hervorragend.
Bernhard Peters gilt als Mann mit modernen Konzepten, auch für den Fußball. Sind seine Überlegungen auch in euer Torwarttraining eingegangen?
Kirschbaum: Ins Torwarttraining nicht direkt, aber er hat zu jedem einzelnen Spieler ein Spielerprofil erstellt und anhand dieses Profils immer wieder Tipps gegeben, wo man sich verbessern kann, in Zusammenarbeit mit unserem Sportpsychologen, Herr Hermann.
Was haben sie dir speziell für Tipps gegeben?
Kirschbaum: Speziell bei jungen Spielern ist es wichtig, nicht nur Tipps im sportlichen Bereich, sondern auch fürs Leben zu bekommen. So hat er mir z.B. ein Fernstudium in Ansbach empfohlen. Zurzeit bin ich noch Zivildienstleistender, aber im Sommer könnte dieses Fernstudium anstehen. Wir bekommen also so ein Rundumpaket geboten.
Worauf legt ihr in eurem Torwarttraining besonderen Wert?
Kirschbaum: Besonderen Wert wird auf körperliche Fitness gelegt. Unser Torwarttrainer Philipp Laux sagt immer, dass der Körper der Grundstein des Torwartspiels sei. Viel üben wir auch 1 gegen 1-Situationen. Wir achten darauf, dass man nicht nach hinten fällt. Wenn man die Bundesligatorhüter betrachtet, kann man feststellen, dass 85 % in dieser Situation nach hinten fallen. Wichtig ist eben, dass man auf dem Vorderfuß steht. Dadurch hat man z.B. bei der Fußabwehr eine ganz andere Reichweite. Wenn der Schwerpunkt zu weit hinten liegt, kann man sich schlechter bewegen.
Wo musst du dich noch am meisten verbessern?
Kirschbaum: Ich muss noch lernen bei Flanken konsequenter und aggressiver heraus zu kommen. Auch muss ich mich noch körperlich verbessern. Ich muss mehr Abdruck bekommen, aber dieser wird sich automatisch bei besserer körperlicher Fitness die nächsten Jahre verbessern.
Die Zeit der Bodybuilder im Tor scheint zunehmend vorbei zu sein. Wie viel Krafttraining betreibst du?
Kirschbaum: Vor jedem Training auf jeden Fall, im Kraftraum. Man braucht einfach ein gewisses Maß an Kraft. Für übertrieben halte ich das Bodybuilding bei Tim Wiese, aber wenn man z.B. mal den Oberkörper von Jens Lehmann sieht, wenn er sein Hemd ausgezogen hat, dann sieht man auch bei ihm, dass ein gewisses Krafttraining not-wendig ist. Wenn man z.B. bei Flanken herauskommt, ist immer die Grundlage, dass man stabil im Körper ist, sonst kann man den Ball nicht fangen.
… das heißt du trainierst im Kraftraum mehr für den Oberkörper als für die Beine?
Kirschbaum: Ja eigentlich schon mehr für den Oberkörper, aber natürlich auch für die Beine.
Welche Gefühle kommen bei dir auf, wenn du daran denkst, evt. einmal vor 80 000 Zuschauern und Millionen Fernsehzuschauern spielen zu müssen / dürfen?
Kirschbaum: Ich war vor kurzem bei der Liveübertragung des Länderspiels in Schottland dabei, da macht man sich im Vorfeld natürlich schon seine Gedanken, was sein wird, wenn man einen Fehler macht, den dann alle sehen, aber wenn man auf dem Platz steht, sind diese Gedanken schnell vorbei.
Kann oder muss man sich auf diese psychischen Belastungen vorbereiten? Was machst du / ihr konkret?
Kirschbaum: Man hat immer so seine Rituale. Ich stelle mir z.B. abends im Bett verschiedene Situationen vor, die im Spiel am nächsten Tag eventuell vorkommen könnten.
Hast du auch eine Schul- oder Berufsausbildung absolviert oder dich schon bald auf Fußballprofi konzentriert?
Kirschbaum: Eine Ausbildung war für mich und meine Eltern ganz wichtig. Ich habe ja schon 2 Jahre in der A-Jugend in Hoffenheim gespielt. Der damalige Trainer, Hansi Flick, wollte, dass ich bereits in der Regionalligamannschaft regelmäßig mittrainiere, meine Schulzeit beende und mich ganz auf Fußball konzentriere. Ich hatte damals die Mittlere Reife bereits abgeschlossen. Aber ich wollte das Fachabitur noch fertig machen, zugleich aber so oft im Training dabei sein, wie ich konnte. Für Hansi Flick war das zu wenig, deshalb hat er Daniel Haas geholt.
Viele junge Nachwuchsfußballer geben in ihrem Portrait auf der Homepage des Vereins unter Berufsausbildung „Profifußballer“ an, während die meisten älteren Profis eine Berufsausbildung abgeschlossen hatten. Verletzungen oder ein Trainerwechsel können aber schnell Perspektiven verändern. Gehen viele junge Spieler nicht ein zu hohes Risiko ein?
Kirschbaum: Die Entwicklung ist natürlich so, dass immer mehr junge Spieler schon mit 17 Jahren in den Profibereich hineingezogen werden. Da ist es einfach nicht möglich, noch eine dreijährige Ausbildung nebenher zu machen. Ich merke jetzt schon, wie schwierig es selbst bei meiner Ziwi-Tätigkeit ist, Fußball und Beruf aufeinander abzustimmen, wenn ich voll arbeiten müsste. Wenn dann letztlich der Fußball darunter leidet, ist die Entscheidung weder Fisch noch Fleisch.
Außerdem: Wenn eine Ausbildung bis eventuell 20/21 Jahre dauern würde, hätte man möglicherweise im Fußball richtungsweisende Jahre verloren. Manchmal muss man Chancen einfach wahrnehmen.
Versuchst du möglichst schnell in der Bundesliga unterzukommen oder ist es dir wichtiger, evt. auch in einem Verein der 2. Bundesliga oder der Regionalliga zu spielen?
Kirschbaum: Erste Bundesliga würde ich natürlich am liebsten gleich morgen spielen. Aber das geht nur über stetiges Arbeiten, Spielpraxis sammeln, auch in unteren Ligen. Im Moment spiele ich in Hoffenheim und möchte mit diesem Verein die Chance nutzen, in die 2.Bundesliga aufzusteigen. Das wäre schon wieder ein weiterer Fortschritt.
Wird die TSG Hoffenheim den Aufstieg schaffen?
Kirschbaum: Ja klar, auf jeden Fall!
Wann werden wir Thorsten Kirschbaum in der Bundesliga sehen?
Kirschbaum: Am 17. Mai ...wann weiß ich…(lacht) … Ich kann jetzt auch kein Datum nennen. Manchmal geht es schneller, als man denkt, dann ist man mal wieder weg vom Fenster, so wie es bei mir ist. Fußball ist ein unruhiges Geschäft. Das kann man nicht sagen. Ich bin froh, wenn es überhaupt mal so weit kommt. (lacht).
Ich drücke dir jedenfalls die Daumen und wünsche dir viel Glück auf deinem weiteren Weg.
Kirschbaum: Danke schön.
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