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Interview mit Sven Ulreich (VFB Stuttgart)
von Artur Stopper (06/2008); Fotos: goalkeeping.com
„Insgesamt war ich sehr zufrieden“
Einer der Shootingstars unter den Torhütern der vergangenen Bundesligasaison ist sicherlich Sven Ulreich. Bedingt durch die Formschwäche der etatmäßigen Nr. 1 des VfB Stuttgart, Raphael Schäfer, erhielt der erst 19-jährige Ulreich die Gelegenheit, sich in elf Bundesligaspielen zu präsentieren. Goalkeeping.com sprach mit der großen Nachwuchshoffnung des VfB Stuttgart über die abgelaufene Saison und seine weiteren Perspektiven.
Sven, was hättest du vor dieser Saison gesagt, wenn dir jemand prophezeit
hätte, dass du 11 Bundesligaspiele absolvieren wirst?
Ulreich: Ich hätte das natürlich nicht geglaubt, bin aber froh, dass alles so gekommen ist. Mit der Saison kann ich zufrieden sein, ich hatte ja auch 19 Einsätze im Regionalligateam des VfB.
Wie warst du selbst mit deinen Leistungen bei den Bundesligaeinsätzen zufrieden?
Ulreich: Insgesamt war ich sehr zufrieden. Bei statistischen Werten war ich nicht schlechter als andere Torhüter. Klar, das Spiel in Leverkusen ist etwas unglücklich gelaufen, aber das kommt in einem Torhüterleben öfters vor. Ansonsten bin ich mit den 11 Bundesligaspielen, die ich gemacht habe, sehr zufrieden.
Was geht in einem 19-jährigen innerlich vor, wenn er erfährt, dass er erstmals in einem Bundesligaspiel zum Einsatz kommt?
Ulreich: Ich weiß nicht, wie es bei anderen ist, aber bei mir hat die Freude deutlich überwogen, als ich von meinem bevorstehenden Einsatz nach dem Abschlusstraining erfahren hatte. Natürlich war ich auch leicht nervös, konnte aber in der Nacht vor dem Spiel normal schlafen.
Sicherlich gibt es leichtere Zeitpunkte für einen so jungen Torhüter für sein erstes Spiel als in einer Phase ins Tor zu müssen, in der die ganze Mannschaft verunsichert war. Hättest auch du dir für deinen Einstieg ein leichteres Spiel gewünscht?
Ulreich: Ja sicherlich, das wünscht sich jeder, dass er in eine intakte Mannschaft kommt. Die Mannschaft hatte zu der Zeit eine etwas schwierige Phase. Aber nach dem Spiel gegen Hertha BSC, das wir leider verloren, starteten wir eine erfolgreiche Serie von 9 ungeschlagenen Spielen, in denen ich gespielt hatte. Ich denke, dass ich an diesen Erfolgen auch meinen Anteil daran hatte. Es war für mich sehr schön, dass ich der Mannschaft und dem Verein helfen konnte.
Du bist ein Stuttgarter Eigengewächs und spielst seit der Saison 1998/99 beim VfB. Wie kamst du eigentlich zu diesem Verein?
Ulreich: Ich wurde auf den Talenttagen des VfB Stuttgart entdeckt. Ich bin einfach mal auf gut Glück und ohne große Erwartungen mit meinem Vater dort hingefahren. Nachdem ich anschließend einige Probe-trainings absolviert hatte, wurde ich genommen. So stieß ich zur E 1 des VfB Stuttgart und bin bis heute noch da.
Du hast alle Jugendmannschaften des VfB durchlaufen, von der E-Jugend bis zu den Profis. Entwickelt sich da eine besondere Bindung zum Verein?
Ulreich: Auf jeden Fall. Der VfB Stuttgart ist wie eine große Familie für mich. Wenn ich das Vereinsgelände betrete, kennt mich jeder und ich kenne jeden. Ich habe dort auch meine Ausbildung absolviert. Dadurch ist ein besonderes Verhältnis zu vielen Leuten im Verein entstanden. Viele Mitarbeiter drücken speziell auch mir die Daumen, weil sie mich seit vielen Jahren kennen. Durch die vielen langjährigen Kontakte ist ein großes Interesse aneinander entstanden.
Du hattest vor dem ersten Bundesligaeinsatz nur die Erfahrung von ca. 30 Spielen bei der RL-Mannschaft des VfB. Was ist für einen Torhüter in einem Bundesligaspiel anders als in einem Spiel der Regionalliga?
Ulreich: Ein ganz entscheidender Unterschied ist sicherlich das deutlich höhere Spieltempo. Natürlich stellen auch die Kulisse im Stadion und das intensive Medieninteresse einen deutlichen Unterschied dar. Wenn man sich daran gewöhnt hat, hat man bereits einen großen Schritt getan. Ansonsten muss man wie im Regionalligateam immer weiter arbeiten. Dein Vorbild ist Timo Hildebrand. Was schätzt du an ihm?
Ulreich: Mir gefällt seine menschliche Art. Wir kennen uns schon sehr lange, da auch Timo viele Jahre beim VfB war, und mögen einander. Ich habe ihn nicht nur wie die Fans in der Außenansicht kennen gelernt, sondern auch als Mensch, und schätze ihn sehr. Auch mag ich sein ruhiges Auftreten auf dem Platz und seine Lockerheit. Weiterhin gefällt mir sein torwartspezifisches Können, er ist richtig gut und hat ein riesiges Potential. Mir tut es leid für ihn, dass er bei der EM 2008 nicht dabei sein kann.
Hast du noch Kontakt zu ihm?
Ulreich: Wir haben immer noch regelmäßig SMS-Kontakte. Er hat mich auch nach dem ersten Bundesligaspiel beglückwünscht, so wie ich ihm jetzt „Kopf hoch“ gewünscht habe und dass es nach der EM für ihn weiter geht. Aber auch schon davor hatten wir regelmäßige Kontakte.
Welche Ratschläge gibt dir ein so erfahrener Torhüter wie Hildebrand mit auf den Weg?
Ulreich: Nach dem ersten Bundesligaspiel meinte er, dass ich gut gespielt hatte und dass ich mir von den Medien nicht zu viel aufschwatzen lassen und nicht zu sehr darauf hören solle, was sie sagen oder schreiben. Er gibt mir auch Tipps in schwierigen Phasen und lobt mich, wenn ich gut gespielt habe. Wir haben jedenfalls ein gutes Verhältnis miteinander und ich freue mich, dass ich mit Timo noch so gut auskomme, obwohl er weit weg ist.
Was hat sich in deinem Leben verändert, seit du plötzlich in den Focus der Öffentlichkeit gerückt bist?
Ulreich: Eigentlich nicht viel. Ich versuche mein Leben so normal wie möglich zu gestalten. Ich glaube, dass mir das bisher auch sehr gut gelungen ist. Mein Freunde und meine Familie behandeln mich ganz normal, und ich möchte zu Hause auch nicht viel über Fußball reden. Meine Familie baut mich auf, wenn mal etwas nicht nach Wunsch läuft.
Natürlich wird man öfter mal auf der Straße erkannt, aber es hält sich noch in Grenzen, und das ist gut so.
Du hast einen enormen Rückhalt bei den Fans, auch nach Fehlern. Was sind nach deiner Meinung die Gründe dafür, dass du bei den Fans so beliebt bist?
Ulreich: Sicherlich ist ein wichtiger Grund, dass ich schon so lange im Verein bin. Aber ich mag auch die Fans und gehe gerne mit ihnen um. Ich habe immer ein offenes Ohr für sie, auch wenn sie mal schlecht über einen reden. Die Sympathie stimmt einfach zwischen uns, worüber ich mich sehr freue. Ich hatte durch sie in meinem ersten Bundesligaspiel einen großen Rückhalt, weil ich wusste, dass mich die Fans unterstützen werden. Auch beim letzten Spiel gegen Bielefeld hatte ich wieder einen riesigen Empfang, als ich ins Stadion einlief. Da stellte ich wieder fest, dass ich bei den Fans einen riesen Stein im Brett habe, wofür ich mich sehr bedanken will.
Es ist nach meiner Meinung schon manchmal respekt- und würdelos, wie
Ulreich: Auf jeden Fall. Ich fand es nicht gerecht, wie mit ihm umgegangen wurde. Raphael ist menschlich ein toller Typ und ich mag ihn sehr. Klar sind wir Konkurrenten, aber wir hatten immer ein gutes Verhältnis miteinander. Ich weiß nicht, wie es mit ihm weitergehen wird.
Machst du dir in deinem jungen Alter auch schon einmal Gedanken darüber,
wie schnell man vom gefeierten Helden zum Freiwild für Fans und Medien werden kann?
Ulreich: Ja sicherlich, aber Fußball ist so. Es ist ein Tagesgeschäft, in dem du heute top und morgen ein Flop bist. Ich weiß, dass es so kommen kann, aber mit diesen negativen Gedanken möchte ich mich gar nicht befassen, weil mich das nicht weiter bringt. Ich denke lieber positiv und gehe auch jeden Tag positiv ins Training. Denn wenn man negativ denkt, wird man keinen Erfolg haben.
Du hast jetzt Urlaub bis zum 28.Juni. Wie wirst du diese Zeit verbringen?
Ulreich: Ich werde die ersten 1-2 Wochen erst mal etwas abschalten vom Fußball, wenig über Fußball reden. Danach werde ich mich wieder für mich selbst vorbereiten und anschließend mich voll auf die Saisonvorbereitung zusammen mit der Mannschaft konzentrieren. Natürlich werde ich mich nicht ganz hängen lassen und auch in der Sommerpause ordentlich trainieren.
Vor kurzem gab der VfB Stuttgart die Verpflichtung Jens Lehmanns als neuen Torhüter bekannt. Wie denkst du über diesen Vertragsabschluss?
Ulreich: Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit Jens Lehmann und hoffe, dass ich von ihm viel lernen kann. Er hat er viel Erfahrung auf nationaler und internationaler Ebene gesammelt, die die Mannschaft und vor allem auch mich weiterbringen kann.
Goalkeeping.com bedankt sich für deine Bereitschaft zum Interview und wünscht dir alles Gute für deine Zukunft!
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