Interview mit Silke Rottenberg (1. FFC Frankfurt)

von Artur Stopper (10/2008); Fotos: goalkeeping.com

Nicht viele können von sich behaupten, in ihrer sportlichen Karriere so erfolgreich gewesen zu sein wie Silke Rottenberg. 126 Länderspiele absolvierte sie für die deutsche Frauen-Nationalmannschaft. Mit diesem Team wurde sie 3-mal Europameister, 2-mal Weltmeister und gewann  2-mal die Bronzemedaille bei Olympischen Spielen. Kaum minder erfolgreich war sie im Vereinssport. 4-mal wurde sie Deutscher Meisterin und  3-mal Pokalsiegerin. 2008 gewann sie mit dem 1.FFC Frankfurt, für den sie auch heute noch spielt, den UEFA-Pokal. Mehrere Verletzungen, unter anderem ein Kreuzbandriss, verhinderten weitere Erfolge der inzwischen 36-jährigen Torfrau.
Goalkeeping.com sprach mit ihr über ihre Anfänge, ihren Karriereverlauf und ihre weitere Zukunft.

Silke, zunächst einmal Gratulation zu deiner außergewöhnlichen Karriere. Nur wenige Sportler erleben eine solch erfolgreiche Karriere wie du. Welche Eigenschaften muss man besitzen, um 126-fache Nationalspielerin zu werden?

Rottenberg: Ich denke Ausdauer, Willensstärke, Ehrgeiz, Zielstrebigkeit und unheimlich viel Spaß sind die Hauptfaktoren. Natürlich gehört auch immer eine Portion Glück dazu, dass man auf der einen Seite gesund bleibt und auf der anderen Seite in bestimmten Situationen das Quäntchen Glück hat. Ich bin eine Torhüterin, die zwar Talent mitgebracht hat, aber die viel Wille hatte, die Ziele, die ich mir gesteckt hatte, eisern zu verfolgen, hart zu trainieren und mich von negativen Erlebnissen nicht unterkriegen zu lassen. Ich bin immer wieder aufgestanden, und das hat letztendlich auch meinen Erfolg ausgemacht.

Du bist erst im Alter von 16 Jahren von der Libero- auf die Torhüterposition gewechselt. Hältst du es für wichtig, dass eine Torhüterin auch einmal Feldspielererfahrungen gesammelt hat?

Rottenberg: Eine moderne Torhüterin muss heute eine gute Feldspielerin sein und die Bälle halten können. In meinen Anfängen war es so, dass der Torhüter den Ball bei einem Rückpass noch mit der Hand aufnehmen durfte. Als ich mit 16 Jahren ins Tor kam, bestand Torwarttraining vor allem darin, der Torhüterin die Handschuhe warm zu schießen, während das Spiel mit dem Fuß kaum gefordert war. Damit ich das Mitspielen nicht verlernte, musste ich den Trainer immer wieder darauf ansprechen, mich im Feld mitspielen zu lassen. Mitspielen zu können ist heutzutage ein wichtiges Merkmal für eine gute Torhüterin. So habe ich natürlich von meiner Zeit als Feldspielerin profitiert, denn für das moderne Torwartspiel ist das Spiel mit dem Fuß enorm wichtig.

Für mich ist es schon erstaunlich, dass du erst mit 16 Jahren mit dem Torwartspiel begonnen hast und ohne Torwarttraining zu solch einer ausgezeichneten Torhüterin herangewachsen bist. Wie geht das?

Rottenberg: Ich denke, dass ich die Fähigkeit besitze, Dinge schnell aufzunehmen und vor allen schnell umzusetzen, da ich sehr aufnahmefähig und sehr lernbereit bin. Ich hatte das Pech, meine Torhüterlaufbahn zu einem Zeitpunkt zu beginnen, wo es noch kein spezielles Torwarttraining gab. Eigentlich habe ich erst die richtigen Torwarttechniken mit 27 Jahren erlernt, als mir Jörg Daniel das Torwartspiel beibrachte. Es ist sicherlich phänomenal, dass ich mit den wenigen Dingen, die mir im späten Alter beigebracht wurden, eine so gute Torhüterin geworden bin. Neben meiner Willensstärke und meiner guten Aufnahmefähigkeit lag das auch an guten Trainern, die ich doch noch im Laufe der Zeit hatte.

Wie Oliver Kahn 2002 wurdest du 2003 zur besten Torhüterin der Welt gewählt. Wo siehst du weiter Gemeinsamkeiten zwischen Oliver Kahn und dir?

Rottenberg: Uns gemeinsam ist sicherlich Wille, Zielstrebigkeit, aufstehen und nicht aufgeben, der unbedingte Erfolgswille und alles dafür zu tun, sich von nichts und niemandem unterkriegen zu lassen. Ich denke das haben wir beide in uns.

Weder bei den Männern noch bei den Frauen hatte Deutschland jemals ein Torhüterproblem. Glaubst du, dass es in Deutschland eine besonders gute Torhüterausbildung gibt oder dass die außergewöhnlichen Torhütervorbilder, wie z:B. Tilkowski, Maier, Kahn u.v.m., viele Nachahmer produzieren?

Rottenberg: Ich glaube, dass das im Männerbereich sicherlich so ist. Auf der einen Seite haben wir sehr gute Torhütertalente und Trainer, die die Torhüter sehr gut ausbilden, und auf der anderen Seite haben wir Vorbilder, denen man nacheifern möchte. Im Frauenfußall ist das noch ein bisschen anders. Wir hatten immer eine ganz gute Torhüterin, mit mir und mit Nadine Angerer zwei herausragende Torhüterinnen. Ich habe 10 Jahre als Nr.1 im Tor gestanden, war Welttorhüterin 2003 und habe nun meine Laufbahn in der Nationalelf beendet. Nadine Angerer, die mich nach meinem Kreuzbandriss als Nachfolgerin im Nationalteam abgelöste, ist im letzten Jahr auch zur Welttorhüterin gewählt worden. Daran kann man sehen, dass in Deutschland eine sehr gute Arbeit geleistet worden ist. Wir haben das Problem, dass wir einige weitere sehr gute Torhüterinnen haben, denen es am Ende aber ein bisschen an der Körpergröße fehlt. Seit 1 1/2 Jahren gibt einen fest angestellten Torwarttrainer für Frauen beim DFB. Ich werde dazu stoßen, so dass wir zu zweit die Möglichkeit haben, den Nachwachs viel besser und intensiver zu trainieren. Aber auch in den meisten Vereinen ist es inzwischen üblich, einen Torwarttrainer zu haben. Erfolg stellt sich eben nur bei regelmäßigem und gutem Training ein. Wenn es uns gelingt, schon an der Basis gute Torhüterinnen auszubilden, werden wir in Zukunft in diesem Bereich keine Probleme haben. Bis dahin müssen wir hoffen, dass die Torhüterinnen, die wir haben, noch lange spielen werden.

Du bist jetzt 36 Jahre alt. Am Beginn deiner Karriere war Frauenfußball noch relativ unbedeutend. Welche Hauptveränderungen haben sich deiner Meinung nach im Frauenfußball bis heute vollzogen?

Rottenberg: Da ist eine Menge passiert. Ich habe zu einer Zeit angefangen Fußball zu spielen – das war 1976 im zarten Alter von 4 Jahren – ,als der Frauenfußball noch belächelt wurde. Mädchenfußball war eine Eintagsfliege. Ich bin in einem kleinen Voreifeldörfchen aufgewachsen und war die zweite Mädchenfußballerin im Dorf. Die Leute fanden das einfach toll. Meine Eltern und alle haben uns unterstützt. Ich habe bei den Jungs gespielt, es war eine schöne Erfahrung. Im Laufe der letzten Jahre hat sich der Mädchenfußball entscheidend verändert. Die Weltmeisterschaft 2003 und der Gewinn der ersten Welttrophäe war der Umbruch im Frauenfußball. Danach trauten sich viel mehr Mädchen ihren Eltern zu sagen, dass sie Fußball spielen wollen. Auch von der breiten Öffentlichkeit wurde Mädchenfußball viel mehr unterstützt. Menschen, die bisher den Frauenfußball belächelt hatten, waren auf einmal Frauenfußballfans. Durch die ganzen Erfolge, die anschließend noch dazu kamen, hat der Frauenfußball unheimlich an Popularität gewonnen. Dazu kommt noch, dass Mädchenfußballmannschaften wie Pilze aus dem Boden schossen. Dadurch musste man als Mädchen nicht mehr 50 km fahren, um in einer Mädchenmannschaft spielen zu können. So entwickelt sich der Frauenfußball auch weiter. Außerdem kam dazu, dass wir im Gegensatz zu meinen Anfängen, als es nur die Nationalmannschaft und eine U-19 Mannschaft gab, inzwischen eine U-15, U-17, U-19, U-20 und U-23 und die Frauennationalmannschaft haben. Daran sieht man, dass sehr viel passiert ist.

Haben diese Veränderungen auch einen anderen Typ von Spielerinnen hervorgebracht? Sind die heutigen jungen Spielerinnen also anders als deine Generation in diesem Alter war?
Rottenberg: Absolut. Frauenfußball war zur damaligen Zeit Hausfrauensport. Es waren Frauen, die gerne Fußball gespielt haben, aber da war noch keine Athletik, sie waren noch nicht durchtrainiert, die Filigranität am Ball war ebenfalls noch nicht vorhanden. Das alles hat sich die letzten Jahre entwickelt. Frauenfußball ist zu einer attraktiven Sportart herangewachsen. Die Spielerinnen sind sehr schnell und athletisch geworden, sehen gut  aus, sind sportlich und können gut mit dem Ball umgehen. Man sieht noch Spielerinnen, die ein paar Kilos zu viel haben, in unteren Klassen, was aber bei den Männern auch nicht anders ist. Das ist auch ok, da es Freizeitsport ist. Aber wenn es in Richtung Leistungssport geht, sind die Mädchen und Frauen durchtrainiert.

Leider hat ein Kreuzbandriss deine Karriere in der Nationalmannschaft beendet. Auf wie viele Länderspieleinsätze wäre Silke Rottenberg gekommen, wenn diese Verletzung nicht gewesen wäre?
Rottenberg: Der Kreuzbandriss hat mich ganz klar die Position als Nr. 1 gekostet. Ich denke, wenn ich mir den Kreuzbandriss nicht zugezogen hätte und weiterhin hätte so weiter arbeiten können wie zuvor, wäre ich sicherlich als Nr. 1 zur WM nach China gefahren. Ich habe 126 Länderspiele gemacht, das ist eine stolze Zahl, und habe meine Karriere mit einem wunderschönen Abschiedsspiel in Kassel beim EM-Qualifikationsspiel gegen Wales vor 18.000 Zuschauern beendet. Wie viele Länderspiele es letztlich geworden wären, kann ich nicht sagen, aber ich bin mit meinem Karriereverlauf sehr zufrieden.

Wie schwer fiel es dir, plötzlich ins zweite Glied rücken zu müssen, schließlich hattest du nicht die Zeit, dich langsam auf diese Veränderung einzustellen zu können?
Rottenberg: Der Kreuzbandriss war der Anfang vom Ende. Zunächst wollte ich mich nicht operieren lassen und hoffte, das Ganze bis zur WM so stabilisieren zu können, dass eine Operation nicht notwendig war. Auf Anraten meiner Trainerin ließ ich mich dann doch operieren, um es eventuell noch zur WM zu schaffen. Ich habe 5 Monate lang sehr hart im Reha-Zentrum gearbeitet und stand bereits nach 4 1/2 Monaten wieder auf dem Platz. Mitten in der Aufbauphase zog ich mir kurz vor meinem Comeback einen Muskelfaserriss in der Wade zu. Dies traf mich wie ein Weltuntergang, denn zu diesem Zeitpunkt war mir klar, dass ich die Position als Nr.1 im Nationalteam verlieren und nie mehr zurückholen würde, es sei denn Nadine Angerer hätte keine gute Leistung erbracht, was man aber niemandem wünscht. Zudem wollte auch ich den Erfolg, selbst auf der Bank. Recht schnell war mir schon während der WM klar, dass ich mir genau überlegen musste, ob ich nach 10 Jahren mit 36 Jahren die Nr.2 werden oder ob ich noch einmal versuche wollte, an meine alte Leistungsstärke heranzukommen, was ich vor allem mir beweisen wollte. So kämpfte ich noch einmal mit Nadine Angerer um die Nr. 1-Position, aber letztendlich gab es keinen Grund, nach einem Weltmeistertitel ohne Gegentore und sehr guten Leistungen von Nadine Angerer nach der WM  die Torhüterposition noch einmal zu verändern. Ein zweites Turnier auf der Bank wollte ich mir nicht mehr antun. Deshalb habe ich es vorgezogen, einer anderen Torhüterin die Möglichkeit zu geben, bei den Olympischen Spielen dabei zu sein, für die der Platz auf der Bank ein riesiges Highlight war, während es für mich eine große Ernüchterung gewesen wäre. Deshalb habe ich mich über 4 Monate hinweg mit dieser Situation, ob ich weiter mache oder nicht, auseinandergesetzt und habe letztendlich die Entscheidung getroffen, meine Karriere in der Nationalmannschaft zu beenden. Bis zum heutigen Tag weiß ich, dass es die richtige Entscheidung war.

In der Männerwelt wärst du mit deinen Erfolgen ein weltweit bekannter Star. Ärgert dich manchmal, dass Erfolge im Frauenfußball immer noch deutlich weniger wahrgenommen werden?

Rottenberg: Nein, es ärgert mich nicht. Es dauert einfach seine Zeit, eine Sportart populär zu machen, dafür braucht man viele Erfolge. Es ist auch nicht so, dass wir nicht wahrgenommen werden. Ich glaube, dass der Frauenfußball insgesamt und der deutsche Frauenfußball speziell weltweit anerkannt sind. Und gerade mein Name ist z.B. in den USA und in China schon sehr bekannt. Ich war Welttorhüterin, und so kennt man eine Silke Rottenberg. Aber natürlich ist es nicht so wie beim Männerfußball, dass mich jeder auf der Straße erkennt. Man wird erkannt, dass freut einen auch. Unser Ziel ist es vor allem, den Frauenfußball weiter so zu  entwickeln, dass viele Mädchen beginnen Fußball zu spielen, und dass es vielleicht einmal so wird wie in den USA, wo es ganz normal ist, dass Mädchen Fußball spielen.

Dein Karriereende rückt näher. Wie viele Titel willst du noch erringen, oder anders gefragt: Wie lange werden wir dich noch spielen sehen?
Rottenberg: Natürlich würde ich gerne noch mal Titel erringen, habe auch mit meinem Verein, dem 1.FFC Frankfurt, alle 3 Titel in der letzten Saison einheimsen können. Allerdings habe ich mir im letzten UEFA-Pokalspiel in Frankfurt den Sehnenfuß gerissen. Ich spielte die Saison noch zu Ende, musste mich aber dann erneut operieren lassen, weil ich den Fuß noch für meine weitere Zukunft in meiner Tätigkeit als Torwarttrainerin brauche. Ich bin noch mindestens 3 Monate verletzt, möchte anschließend wieder fit und gesund zu werden und hoffe, dass der Fuß dann wieder funktioniert. Wie weit es dann noch reicht, muss man abwarten.

Worauf wirst du bei deiner Tätigkeit als Torwarttrainerin im Training besonderen Wert legen?

Rottenberg: Spaß steht an erster Stelle. Aber das A und O ist, dass der Torhüter in allen Phasen des Spiels seine Techniken abrufen kann. Deshalb ist das Training der Torwarttechnik am wichtigsten. Ballsicherheit, Fangsicherheit, in jeder Situation zu wissen, wie und wie schnell man zum Ball geht oder ob man besser länger stehen bleibt, sind für mich wichtig. Natürlich muss dem Torhüter auch die mentale Stärke antrainiert werden. Ich werde versuchen, viel Spaß ins Training zu bringen, aber die Torhüterin muss auch mal „leiden“. Man muss auch mal über seine Grenzen hinaus gehen, um zu erkennen, wo seine Grenzen liegen. Spaß allein bringt einen nicht vorwärts, die Willensschulung gehört auch mit dazu.

Goalkeeping.com bedankt sich recht herzlich dafür, dass du dir so viel Zeit für uns genommen hast, und wünschen dir, dass deine Ziele für die Zukunft in Erfüllung gehen werden!