Schattenseiten im Blick

Die humane und ästhetische Qualität dieser und anderer Texte basiert darauf, dass sie sehr häufig weniger die Licht denn die Schattenseiten des Sports in den Vordergrund rücken.

Die Schattenseiten: Das sind zum einen, im Bereich der Spieler und ihrer Clubs, die betrogenen Hoffnungen auf sozialen und materiellen Aufstieg, die Verführungskraft der hohen Gagen, punktuell auch der politische Missbrauch, zum anderen die Fan-Szene, die oft gleichfalls sozialen Motive ihres allzuoft extremen Verhaltens. Zu beiden Aspekten im Folgenden einige wenige Beispiele:

I.
Diego Armando Maradona, immer üppigere Inkarnation des aus strahlender Höhe tief Gefallenen, ist dem Journalismus weltweit immer noch ein paar Zeilen wert. Wieviele aber stürzen noch tiefer, oft in komplette, lautlose Finsternis?

Palacín, einst Mittelstürmer-Star und nun in einem drittklassigen Club gnadenlos verheizt, gerät zuletzt in das Räderwerk von Barcelonas Drogen- und Immobilienkriminalität:
so der Plot im Roman „El delantero centro fue asesinado al atardecer“ (1988) von Manuel Vázquez Montalbán (1939-2003). Die Italiener Beppe Lanzetta („Mi voleva la Sampdoria“, 1996), Massimiliano Governi („Il calciatore“, 1995) und Andrea Carrera („L’erba cattiva“, 1996: „Böses Gras“; auch dies ein doppeldeutiger Titel) schildern die tödlichen Folgen unerfüllter Hoffnungen unter Nachwuchsspielern.

Den realen Trainer Stefan Hoyzer trieben das schnelle Geld und die schnelle Liebe mit kroatischen Prostituierten in die Korruption. Der fiktionale Protagonist in einer Erzählung („El hijo de Butch  Cassidy“, 1993) des Uruguayers Osvaldo Soriano pfeift aus politischen Gründen falsch. Da sind wir bei einer fiktiven WM in Patagonien und im Weltkriegsjahr 1942, als die reale WM ausfiel. Folge der Fehlpfiffe: Nicht die präpotenten Nazi-Deutschen siegen, sondern die ungelenken Mapuche-Indianer. Dem Zyklus, in dem die Erzählung figuriert, gab Soriano den hübschen Titel „Pensar con los pies“, „Mit den Füßen denken“…

II.
An die existentielle Substanz kann es gehen, wenn Fußball (oder ein anderer Sport) für die sozial mehrheitlich benachteiligten Fans zum Ersatz wird.

Der Mailänder Michele Mari (geb.1955) zeigt den Protagonisten seiner Erzählung „I palloni del signor Kurz“ (1993) nie vor. Aber wir erfahren, dass Kurz, von morgens bis abends auf einem Stühlchen ausharrend, den vom benachbarten Schulhof über seine Gartenmauer fallenden Bällen auflauert, sie nicht zurückgibt, sie vielmehr, mit Eingangsdatum, in seinem Gewächshaus aneinanderreiht - seit Jahrzehnten. Analogien zur eingangs erwähnten, von Kopf bis Fuß auf „calcio“ eingestellten Grazia offenbart Amaro Fuentes in der Erzählung „El hincha“ (1982) des Argentiniers Mempo Giardinelli (Jg. 1947). Nahezu ein Leben lang „glaubt“ der kleine Postbeamte an den zunächst drittrangigen Verein Vélez Sárfield -und bricht, als das Radio den entscheidenden Siegestreffer für die Oberliga-Meisterschaft verkündet, tot zusammen.

Der Weg in die Wut

Spiegelverkehrt zur individuellen Fan-Fixiertheit: der kollektive Fanatismus, der Massenrausch. In Südamerika brechen in Extremfällen nach unguten Spielen ganze „Fußballkriege“ aus, etwa 1969 zwischen Honduras und El Salvador. Die Gewalt imStadion hält Polizisten und Lokalpolitiker ebenso auf Trab wie feldforschende Soziologen. Ein verbaler Entgleisungshöhepunkt, im Herbst 1998 auf zwei Spruchbändern der Fans von Lazio Rom: „Auschwitz la vostra patria, i forni le vostre case“.

Vier Jahre zuvor (1994) war der Roman „I furiosi“ von Nanni Balestrini (geb. 1943) erschienen. Der Titel spricht für sich. Balestrini setzt - auch sprachlich - fiktional um, was er in Jugendjahren selber in der Szene erlebt und mitgemacht hatte. Die schönste Nebensache der Welt gleitet ab zur beklemmenden, ersetzenden Hauptsache. Slums, kaputte Familien, kein Halt durch Schule und Ausbildung, kein Vertrauen für Bindungen, Fan-Clubs als Fluchtorte; Massenaufläufe zur Betäubung von Einsamkeit; Schlägereien, Vandalismus aus Verzweiflung; Xenophobie, Rassismus, Totschlag als Fortsetzung des Spiels, nunmehr ohne Regeln. Die Opfer: Unbeteiligte, gegnerische Fans, Spieler. Fußball ist auch das, was er nicht ist.

Gnadenlos in der Wirklichkeit mitunter die Image-Verdrehung durch hämischen Mob. Etwa zu Lasten von Francesco Totti, Star-Stürmer beim AC Rom. Totti gilt als doof, wie bei uns die Friesen. Ist es aber nicht. Und die über ihn kursierenden Witze sammelt er selber: „Tutte le barzellette su Totti“, Mailand 2003, Folgeband: Ebd. 2004. Literatur? Bestseller. Der Erlös, so Totti im Vorwort, geht an Unicef und an die Sozialfürsorge Roms.

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Quelle: "uni.kurier.magazin 106, Universität Erlangen-Nürnberg"
Literatur: Mónica López: Aufstieg oder Fall: der Fußball im kritischen Blick spanischer und hispanoamerikanischer Schriftsteller. Erlangen 2003 [Magisterarbeit; Masch.] Zibaldone. Zeitschrift für italienische Kultur der Gegenwart. Heft 25: Fußball in Italien. Hamburg, Rotbuch 1998.
Bilder: uhlsport