Interview mit Rüdiger Vollborn

von Artur Stopper (09/2007);

Nur wenige Profifußballer können auf eine erfolgreichere Karriere zurückblicken als Rüdiger Vollborn. 16 Jahre lang war er als Torhüter in Diensten von Bayer Leverkusen, absolvierte 401 Bundesligaspiele und ist bis heute Rekordspieler des Klubs. Auch international war Vollborn erfolgreich. 1981 wurde er mit der deutschen U-20-Nationalmannschaft Junioren-Weltmeister und gewann mit Bayer den UEFA-Cup gegen Espanol Barcelona. Rüdiger Vollborn hatte dabei mit einer überragenden Leistung großen Anteil an diesem Titelgewinn.
Seit dem Ende seiner Karriere ist er Torwarttrainer bei Bayer Leverkusen und mitverantwortlich für die hervorragenden Leistungen seines Schützlings Rene Adler. Goalkeeping.com sprach mit Rüdiger Vollborn über seine jetzige Arbeit als Torwarttrainer.

Seit Jahren bringen Sie in Leverkusen hervorragende Torhüter hervor. Was ist eigentlich Ihr Erfolgsgeheimnis?
Vollborn: Es bin nicht nur ich, der diese Torhüter hervorbringt, sondern das ist ein Zusammenspiel von mehreren Torwarttrainern. Das sind David Thiel, Benjamin Kirsten und Dieter Ganz, die die Vorarbeit leisten. Rene Adler ist mein eigenes Kind, aber der Rest, der aus unserer Jugend hervorgegangen ist, wie Tim Wiese oder Tom Starke, an dem ich zusammen mit Dieter Ganz gebastelt habe, ist schon ein Zusammenspiel unter den verschiedenen Torwarttrainern.

Wie findet oder entdeckt ihr eigentlich Talente?
Vollborn: Wir haben gar nicht so bewusst gesucht. Wir schauen, dass wir die besten Talente aus der Gegend bekommen in Konkurrenz mit dem 1.FC Köln. So sind 4 gute Torhüter in beiden Vereinen, zwei bei uns und zwei in Köln, und dann zeigt sich, wer sich am besten entwickelt. Rene Adler haben wir durch Zufall entdeckt. Ich sah ihn und fand ihn toll, worauf ihn Leverkusen geholt hat. Tom Starke war bei uns einmal im Probetraining und dann war entschieden, dass er zu uns kommt.

Welche Charaktereigenschaften halten Sie bei Torhütern für besonders wichtig?
Vollborn: Für mich steht immer der Mensch an erster Stelle, egal wie gut er wird. Er muss menschlich, freundlich und herzlich bleiben. Das sind Charaktereigenschaften, auf die ich sehr viel Wert lege und die ich als Mensch und Torwart für sehr wichtig halte. Für einen Torhüter ist für mich der Wille die Grundlage, um dorthin zu kommen, wo man hinkommen will, wobei es wenig Torhüter gibt, die keinen Willen haben. Auch Ehrlichkeit ist für mich von besonderer Bedeutung. Worauf ich Wert lege geht also mehr in die menschliche als in die sportliche Komponente hinein.

Wie früh erkennt man eigentlich, ob ein Torhüter begabt ist?
Vollborn: Begabung oder Talent erkennt man schon relativ früh, aber es gibt so viele Komponenten, die eine Entwicklung beeinträchtigen können: Eltern, Freundin, Schule. Es ist immer ein vages Vermuten, was aus einem Talent werden kann. Ich habe bisher in meinen Vorhersagen recht gut gelegen, mal schauen, ob ich auch weiterhin gut liege. Das große Glück, dass wir als Torwarttrainer auf dieser Leistungsebene haben, ist, das wir immer mit Jungs arbeiten, die von Zuhause aus schon sehr viel Ehrgeiz mitbringen. Torhüter sind von Hause aus so, die muss man nicht noch dazu zwingen. Ein Torhüter, den man zum Torwarttraining zwingen muss, wird nie einer.

Ab welchem Alter halten sie spezielles Torwarttraining für sinnvoll?
Vollborn: Wir in Leverkusen halten es so, dass wir uns mit den Jungs ab 10, 11 und 12 Jahren etwas mehr beschäftigen. Bis dahin läuft alles mit sehr viel Spaß. Das macht Benny Kirsten sehr gut. Etwas Gaudi, dabei achtet er natürlich auch schon auf richtiges Fangen, aber das hat nichts mit Torwarttraining im eigentlichen Sinne zu tun. Das beste Lernalter sehe ich auch nicht nur von 10 – 12 Jahren, sondern 10 – 14 Jahren, weil sie erst ab dann körperlich und geistig in der Lage sind, das umzusetzen, was ich von ihnen verlange. Das schließt natürlich nicht aus, dass man auch im Alter von 30 Jahren noch etwas lernen kann, wenn man dazu bereit ist.

Wie oft haben eigentlich Jugendliche bei Ihnen im Verein spezielles Torwarttraining?
Vollborn: Torwarttraining heißt ja nicht, dass man 90 Minuten mit den Jungs allein trainiert, sondern wir trainieren mit unseren Torhütern manchmal 3o -45 Minuten, und dann nehmen sie am normalen Mannschaftstraining teil. Aber die Torhüter werden schon in jedem Training eine gewisse Zeit gesondert beschäftigt.

Worauf legen Sie in ihrem Torwarttraining besonderen Wert?
Vollborn: Vor allem auf Technik, auf diese Technik, die wir in Leverkusen für die beste halten, was nicht heißen soll, dass eine andere Technik nicht auch gut ist. Wir haben hier in Leverkusen eine Philosophie, wie sich ein Torwart am besten entwickeln soll, was die beste Art und Weise ist, im Tor zu stehen. Diese Philosophie haben alle Torwarttrainer intus, und danach arbeiten wir. Wenn man einen Weg gehen möchte, ist es wichtig, dass man diesen Weg anfängt, Schritt für Schritt weiter geht und nicht von jedem Torwarttrainer etwas anderes hört. Wenn die Torhüter zu mir kommen, geht es nur noch um Detailarbeit und ihre Fitness, da die meisten technisch schon so gut geschult sind, dass es daran nicht mehr viel zu arbeiten gibt.

Das Techniktraining als Schwerpunkt gilt also vor allem für das Jugendtraining, im Erwachsenentraining würden Sie eher andere Schwerpunkte setzen?
Vollborn: Wenn die Torhüter schon ausgewachsen sind, wie z.B. U-17-Nationaltorwart Fabian Giefer, der 1,95 m groß ist und mit Sicherheit nicht mehr groß wachsen wird, aber ein bisschen zu schmal ist, muss man im Kraftbereich arbeiten. Wenn ich aber einen Torhüter habe, der vermutlich noch 10-15 cm wachsen wird, dann warte ich ab, bis seine körperliche Entwicklung abgeschlossen ist. Ich mache das also individuell von dem Jungen abhängig, den ich vor mir habe. Wenn man natürlich auf der Jugendanlage mit 4 Torhütern gleichzeitig trainiert, kann man nicht so individuell trainieren, wie das später im Männerbereich möglich ist. Wenn ich im Profibereich mit drei Torhütern arbeite, kann ich mir einen herausnehmen und speziell an seinen Fehlern arbeiten, während die anderen beiden Torhüter am Mannschaftstraining teilnehmen.

Welchen Anteil hat Krafttraining bei euch im Erwachsenentraining?

Vollborn: Natürlich einen großen. Krafttraining heißt für mich aber nicht, dass die Torhüter 180 kg stemmen müssen, sondern Krafttraining hat mit Schnellkraft zu tun. Sicherlich sollen Torhüter einen gewissen Körper haben und etwas darstellen, ich bin aber der Meinung, dass man mehr Schnellkräftigkeit haben sollte als einen großen Oberkörper. Wenn beides zusammen funktioniert, ist das perfekt.

Wie kann man eigentlich junge Torhüter mental auf große Aufgaben vorbereiten?
Vollborn: Indem man ihnen von seinen eigenen Erfahrungen erzählt. Ich glaube, dass sich viele junge Torhüter überhaupt nicht darüber im Klaren sind, was es heißt, dorthin zu kommen, wo ich einmal gewesen bin oder jetzt ein Rene Adler oder ein Tom Starke sind. Der größte Sprung für einen Jugendtorhüter ist der Sprung in den Männer-bereich, nicht der Sprung z.B. von der Regionalliga in die Bundesliga. Dieser Sprung ist gar nicht so groß, wenn das gewisse Talent vorhanden ist. Das heißt aber nicht, dass jeder Regionalligatorhüter auch ein guter Bundesligatorhüter sein kann, weil nachher die Kontinuität der Leistung entscheidend ist. Ich muss praktisch meine Leistung ständig auf einem hohen Niveau abrufen können.
Die jugendlichen Torhüter kommen z.B. bei Spitzenspielen zwischen dem Ersten und Zweiten oder beim Kampf um die deutsche Jugendmeisterschaft durchaus schon in Drucksituationen. Ich kenne es von meinem Sohn (Anmerkung der Redaktion: spielt in der B-Jugend von Bayer) oder natürlich auch von mir früher, dass der gewisse Adrenalinausstoß und das Bauchsausen vor wichtigen Spielen auch schon in der Jugend da sind. Es gilt ihnen beizubringen, dass man trotzdem eine gewisse Lockerheit haben muss, um erfolgreich zu sein, weil man sonst die Leistung nicht abrufen kann. Aber man darf natürlich auch nicht zu locker sein, das richtige Mittelmaß ist wichtig.

Einige junge und talentierte Jugendtorhüter wechseln verstärkt nach England. Worin sehen Sie die Gründe?
Vollborn: Keine Ahnung. Den Abgang von Niclas Heimann, der von uns zu Chelsea London wechselte, habe ich persönlich bedauert. Ich konnte diesen Wechsel bedingt nachvollziehen, wobei ich der Meinung war, dass er noch ein halbes Jahr hätte warten können (Anmerkung der Redaktion: Er wechselte zur Winterpause nach London). Denn dann wäre er drei Jahre in Leverkusen Stammtorhüter gewesen, ein Jahr B-Jugend und zwei Jahre A-Jugend. Er wollte das nicht glauben, er hat Fabian Giefer vor sich und meinen eigenen Sohn hinter sich gesehen und meinte wohl, dass es für ihn eng werden würde. Zum zweiten glaubte er, dass es einmal eine andere Erfahrung für ihn ist, in England zu spielen. Dass auch Geld ein Hauptbeweggrund gewesen sein könnte, glaube ich nicht. Aber wenn man ein Angebot von Chelsea bekommt, fängt man bei diesem Namen natürlich schon an zu überlegen. Ob es der richtige Weg für seine erfolgreiche sportliche Zukunft gewesen ist, wird sich später zeigen. Ich sage nicht, dass dieser Weg falsch ist, glaube aber, dass er bei mir persönlich mehr gelernt hätte. Aber das ist jetzt natürlich meine eigene Meinung.

Sie haben sich auch schon einmal früher abfällig über das Torwarttraining in England geäußert …
Vollborn: Ich frage mich eben, wie es sein kann, dass sich in England keine guten Torhüter entwickeln. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Torwarttrainer in England alle blind sind. Trotzdem müssen englische Spitzenmannschaften immer wieder gute Torhüter aus dem Ausland holen, um im Tor gut besetzt zu sein. Da muss ja etwas falsch laufen, diese Frage stelle ich mir eben, ohne jemals ein Torwarttraining in England gesehen zu haben. Das sagt mir mein Gefühl. Es wird dort viel mehr Wert auf Willen und Power, weniger auf Technik gelegt.

Sie betreuen auch schon seit Jahren Rene Adler und haben ihn einmal als Juwel bezeichnet. Was muss Rene Adler noch dazulernen, um einmal ein ganz Großer zu werden?
Vollborn: Er muss die Erfahrung auf dem Platz sammeln. Sicherlich hat er über die DFB-Auswahlmannschaften auch schon im Jugendbereich internationale Erfahrungen gesammelt. Aber die Erfahrung, vor 50 000 Zuschauern zu spielen, ist noch eine ganz andere. Die muss er sicherlich noch bekommen. Alles andere hat er drin, er muss es nur zum gewissen Zeitpunkt auch abrufen können, wenn es gefragt ist. Was für mich sehr wichtig ist: dass er Mensch bleibt. Darauf werde ich zukünftig mein Hauptaugen-merk legen. Es ist nicht leicht als so junger Torhüter wie er bereits diesen Stellenwert zu haben und trotzdem auf dem Boden zu bleiben und alle anderen Menschen, die einen anhimmeln, auf gleicher Augenhöhe zu behandeln. Auch mir wurde früher vorgeworfen, arrogant zu sein, und vielleicht gab es eine gewisse Zeit, in der ich arrogant gewesen bin. Darauf werde ich besonders achten, dass er diese Freundlichkeit und Menschlichkeit beibehält, die er als Jugendlicher immer hatte und hoffentlich auch als Erwachsener weiter behält. Es gibt so gewisse Phasen, wo man einmal einschreiten muss, aber ich hoffe, dass er immer wieder die Kurve kriegt. Fußballprofis sind gewisse Vorbilder, und deshalb sollten sie schon wissen, wie es zu funktionieren hat.

Wie denken Sie über die Torhüterrotation, die seit der WM immer wieder diskutiert wird?
Vollborn: Ich sehe das gar nicht so sehr als Problem an. Viele meinen immer, es müsse eine klare Nr. 1 geben. Wenn ich zwei gute Torhüter habe und ich mich nicht für einen entscheiden kann, dann mache ich das halt wetterabhängig, gegnerab-hängig, formabhängig. Ich muss doch nicht, wenn ich zwei gute Torhüter habe, immer den ins Tor stellen, der die Nr. 1 ist, obwohl er gerade die schlechtere Form aufweist. In meiner aktiven Zeit als Stammtorhüter hätte ich einen Wechsel logischerweise auch nicht als gut empfunden. Aber grundsätzlich sehe die Rotation bei Torhütern nicht als ein solches Problem an, wie das andere sehen. Diejenigen, die daran beteiligt sind, finden es meistens immer eher schlechter und sind eher dagegen. Es kommt wie oft auf die Position an, aus der man argumentiert. Wer die Nr. 2 ist, ist froh, wenn er das ein oder andere Bundesligaspiel machen kann, und wer die Nr.1 ist, ist sauer, wenn er auf der Bank sitzen muss. Aber grundsätzlich sehe ich darin kein Problem.

Wir bedanken uns für das Gespräch und wünschen Ihnen weiter viel Erfolg.