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Interview mit Rowen Fernandez (Arminia Bielefeld)
von Artur Stopper (08/2008); Fotos: goalkeeping.com
Vor der Saison 2007/08 wechselte Rowen Fernandez vom südafrikanischen Spitzenklub Kaizer Chiefs mit seinem ehemaligen Trainer Ernst Middendorp zu Arminia Bielefeld. Dort gelang es ihm, sich gegen die langjährige Bielefelder Institution Mathias Hain als Stammtorhüter durchzusetzen. Der ehemalige Juniorennationalspieler, der in Bielefeld einen Dreijahresvertrag unterschrieben hat, absolvierte inzwischen 17 Länderspiele für Südafrika und hofft natürlich, bei der WM 2010 im eigenen Land dabei zu sein.
Goalkeeping.com sprach mit ihm über sein Leben in Deutschland, seinen Spitznamen „Spider“ und seine Chancen als Nationaltorhüter Südafrikas.
Rowen, du lebst nun seit einem Jahr in Deutschland. Was gefällt dir an
Deutschland, was vermisst du aus deiner Heimat?
Fernandez: Es gibt vieles, was ich an Deutschland liebe. Natürlich ist das Wichtigste für mich der Fußball. Deswegen bin ich hier, und ich liebe den Fußball in Bielefeld. Ich genieße die Bundesliga, die eine sehr starke Liga ist. Es ist schön, jede Woche gegen Weltklassespieler zu spielen. Die Lebensqualität ist gut. Ich lebe inmitten der Stadt, was perfekt für mich ist, weil ich durch die Straßen spazieren und die Stadt genießen kann. Für mich ist alles eine neue Herausforderung, ich bin zum ersten Mal in Europa und möchte noch viele Orte in Europa kennen lernen. Bisher bin ich noch nicht viel in Europa herumgereist. Aber ich habe vor, von Deutschland aus Spanien, England, Frankreich, Italien und anderes kennen zu lernen. Die Deutsche Bundesbahn ist pünktlich und auch sonst funktioniert alles in Deutschland gut. Es gibt also viele Dinge hier in Deutschland, die ich schätze. Obwohl ich jetzt bereits ein Jahr in Deutschland bin, habe ich noch nicht viel gesehen. Da meine Freundin nun auch in Deutschland ist, hoffe ich, dass wir noch vieles gemeinsam unternehmen können.
Vermisst die hier in Deutschland auch etwas von deinem Herkunftsland Südafrika?
Fernandez: Klar vermisse ich auch einiges. Der südafrikanische Sommer unterscheidet sich doch sehr vom deutschen Sommer. Auch vermisse ich die Erholung zusammen mit meiner Familie und meinen Freunden, da bisher nur meine Freundin hier ist. Ich vermisse die Sozialkontakte von Südafrika. Aber was man von Südafrika vermisst, gleicht man in Deutschland durch verschiedene gesellschaftliche Dinge aus. Der Hauptnachteil ist sicherlich, dass man die Familie vermisst. Diese Distanz versucht man auszugleichen durch telefonische Kontakte und E-Mails, die man heimschickt.
Was ist für dich der größte Unterschied zwischen Deutschland und Südafrika?
Fernandez: Was ich sagen kann, ist, dass Deutschland fußballverrückt ist. Auch in Südafrika lieben wir natürlich den Fußball, aber wir haben mit Rugby und Cricket zwei andere Nationalsportarten, während in Deutschland Fußball mit großem Abstand die Nummer eins ist. In Deutschland ist Fußball eine Art Religion, verglichen mit Südafrika.
Lass uns über Fußball reden. Was ist in der deutschen Bundesliga ganz anders als in Südafrikas erster Liga?
Fernandez: Sie ist viel schneller, körperbetonter. Die Mannschaften sind hier viel disziplinierter, sowohl in der Abwehr als auch im Angriff. Wenn man nicht konzentriert ist, wird man schnell bestraft, man kann durch einen Fehler mit 1:0 verlieren. Wenn man hier als Torhüter nur einen halben Fehler macht, ist es normalerweise ein Tor. Auch sind die Ecken und Freistöße viel präziser, sie zwingen den Torhüter über 90 Minuten total konzentriert zu sein. Es ist einfach ein ganz anderer Level als in Südafrika. Die südafrikanische erste Liga ist sicherlich eine gute Liga, aber sie erreicht nicht die Qualität der deutschen Bundesliga. Nicht umsonst gehört die Bundesliga zu den vier besten Ligen der Welt.
Immer wieder ist zu lesen, dass ausländische Spieler ihre Leistung nicht abrufen können, weil sie ohne ihre gewohnte Umgebung vereinsamen. Wie hast du dieses Problem gelöst?
Fernandez: Das ist sicherlich ein großes Problem, denn man wird in eine Umgebung geworfen, in der du ganz allein auf dich gestellt. Man muss sich einer ganz neuen Kultur anpassen, es ist ein neuer Anfang und eine neue Mannschaft. Es liegt nun am Spieler selbst, sich in das bestehende System einzugliedern. Ich kam zu Beginn mit einer großen Neugierde und war für vieles offen. Zuerst verschaffte ich mir einen Eindruck von der Stadt Bielefeld, indem ich die Stadt mit ihren Sehenswürdigkeiten besuchte und mich mit meiner neuen Umgebung beschäftigte. Wir in Bielefeld haben auch nicht die Weltklassespieler, sondern leben von einem guten Teamgeist. Wir halten zusammen, und deshalb treffen wir uns des Öfteren und trinken eine Tasse Kaffee oder ein oder zwei Biere zusammen, aber nicht zu viele (lächelt). Wir unterhalten uns über verschiedene Dinge, z.B. werde ich über Südafrika ausgefragt. Viele Spieler sind schon seit Jahren hier, für mich war es das erste Jahr. Das hat mir oft geholfen, das Heimweh zu besiegen. Auch habe ich viel mit der Familie telefoniert und E-Mail oder SMS geschrieben. Auch war ich natürlich hier um zu arbeiten und nicht auf Urlaub.
Du wurdest in Südafrika von Rainer Dinkelacker, der auf Goalkeeping.com auch schon Beiträge veröffentlicht hat, trainiert. Wie wichtig war Rainer für deine Entwicklung?
Fernandez: Ich war glücklich, mit Rainer sechs Jahre zusammenarbeiten zu können. Drei oder vier Jahre war er immer nur vorübergehend hier, weil er keinen Ganzjahresvertrag hatte. Ich war glücklich, mit ihm in der Regel 4 Wochen arbeiten zu können. Es war sehr gut. Ich genoss es, dass er die letzten beiden Jahre eine feste Anstellung beim Verein erhalten hatte und wir daher ein ständiges Torwarttraining erhielten. Die Aufmerksamkeit war nun ständig auf uns gerichtet, während es normalerweise so war, dass das Torhütertraining aus einem Trainingsspiel und Schusstraining bestand. Das Training mit Rainer war sehr gut, weil es ein spezielles Torhütertraining war. Natürlich hatte ich auch schon früher Torwarttraining, aber nie mit der Qualität und Intensität des Trainings von Rainer. Das Training war sehr gut, ich genoss es und mein Torwartspiel profitierte sehr von ihm. Wir besprachen nach jedem Spiel meine Leistung, er sprach meine Fehler an, und so wurde ich mit jedem Spiel besser und besser. Er half mir, die Nummer eins im Nationalteam zu werden und nach Deutschland zu wechseln. Mein neuen Torwarttrainer, Thomas Schlieck, macht dort weiter, wo Rainer aufgehört hat. Rainer vermittelte mir die Grundlagen, Thomas verfeinert bestimmte Dinge. Mit Thomas Schlieck habe ich letzte Saison ein gutes Arbeitsverhältnis aufgebaut, wodurch mein Spiel noch besser geworden ist. Ich hoffe, dass ich mich mit der Zeit immer weiter verbessern kann.
Deinen Platz als Nr. 1 bei Bielefeld hast du dir erobert, deinen Platz als Nr. 1 in der Nationalmannschaft verloren. In der BILD-Zeitung war vor kurzem zu lesen, dass du für den 20-jährigen Khune in der Nationalmannschaft Platz machen musstest, weil die schwarze Bevölkerung und die Medien Druck gemacht hätten, den schwarzen
Publikumsliebling Khune spielen zu lassen. Was ist dran an dieser Aussage?
Fernandez: Im Moment möchte ich nicht in einen Kommentar über die spezielle Situation zwischen schwarzen und weißen Spielern hineingezogen werden. Es ist eine schwierige Situation, weil ich glaube, dass ich immer noch die Nr. 1 in der Nationalmannschaft bin. Ich vermute, dass viele Dinge hinter verschlossenen Türen passieren, die nicht auf dem Fußballfeld entschieden werden. Man sollte sich an den Leistungen der Spieler ausrichten und nicht welche Hautfarbe jemand hat, für welches Team oder in welcher Liga jemand spielt. Der momentan bessere Torhüter soll spielen. Unglücklicherweise betrifft das nun meine Position, aber es liegt an mir, ob ich spiele. Aber ich will nicht zu viel dazu sagen. Es ist schwierig für mich, denn als gewöhnlicher Spieler könnte ich etwas sagen, müsste es dann aber wieder richtigstellen. Wir hatten z.B. letztes Jahr einen Zwischenfall mit Daren Buckley, der einen Kommentar zur südafrikanischen Liga und zur Sicherheit abgab. Er wurde total falsch verstanden, es wurde ein Schiedsgerichtsverfahren gegen ihn eingeleitet, und er wurde dafür in der Presse gehasst. Ich will nicht, dass mir dasselbe passiert. 
Khune überzeugt sicherlich schon seit Monaten durch hervorragende
Fernandez: Es ist ein sehr guter Torhüter und sicherlich einer für die Zukunft. Aber er hat erst eine Saison in Südafrika gespielt.
Könnte es auch sein, dass deine ebenfalls guten Leistungen hier in Deutschland durch die große Entfernung in Südafrika zu wenig wahrgenommen werden?
Fernandez: Die Entfernung dürfte eigentlich nicht das Problem sein, denn die Bundesliga ist eine der stärksten Ligen der Welt. Wenn ich in dieser Liga gut spiele, sagt das viel über einen Spieler aus.
Vielleicht könnte man deine Situation mit von Jens Lehmann vergleichen, als er noch in England spielte. Es in der Wahrnehmung der Zuschauer doch sicherlich ein Unterschied, ob man jeden Samstag im Fernsehen die Leistungen der in Deutschland spielenden Torhüter sieht oder überwiegend nur von der Leistungen eines Spielers im Ausland hört oder liest …
Fernandez: Das ist das Problem der südafrikanischen Presse. Sie sollten stolz sein auf Spieler, die in Europa spielen, denn wir spielen in einer ausländischen Liga und repräsentieren Südafrika. Es müsste die Aufgabe der südafrikanischen Presse sein, die Spieler in Europa zu unterstützen und sie nicht zu kritisieren. Es gibt den Spruch „ aus den Augen, aus dem Sinn“, sie machen sich keine Gedanken mehr um einen, wenn man nicht mehr in Südafrika spielt. Es ist eine ähnliche Situation wie mit Lehmann, den man vielleicht nicht jede Woche spielen sah, ihn aber trotzdem wahrgenommen hat. Und wenn er für die Nationalmannschaft spielte, brachte er starke Leistungen. Es ist eine etwas schwierige Situation.
Wie würdest du selbst dein Torwartspiel beschreiben? Was sind deine Stärken?
Fernandez: Meine Stärke ist sicherlich, Gegenangriffe schnell einzuleiten. Ich bevorzuge nicht spektakulär zu spielen, ich erledige meinen Job lieber effektiv. Rainer sagte mir immer während meiner Tätigkeit bei den Kaizer Chiefs, dass akrobatische Flickflacks nicht notwendig seien. Er lehrte mich immer die Formel AASI, was bedeutete, sei aggressiv, greife an, spiele einfach und sicher und mit internationaler Qualität. So versuche ich auch, meinen Job zu erledigen.
Ich habe gelesen, dass dein Spitzname „Spider“, also „Spinne“, sei. Woher kommt eigentlich diese Bezeichnung?
Fernandez: Als ich im Universitätsteam spielte und mit Profifußball anfing, gab mir der frühere Nationaltorhüter den Namen „Spider“, weil er sagte, dass ich dünn wie eine Spinne sei. Damals hatte ich wenig Muskeln und sehr lange, dünne Arme und Beine. Einige Jahre später wurde ich tatsächlich von einer Spinne gebissen und war im Krankenhaus. Diese Geschichte bekräftigte den Spitznamen „Spider“.
Du wurdest 2004 und 2005 mit deinem früheren Verein Kaizer Chiefs südafrikanischer Meister, d.h. du warst gewohnt, um den Titel zu spielen. Jetzt in Bielefeld kämpft ihr immer gegen den Abstieg. In welcher Situation ist der mentale Druck stärker?
Fernandez: Beide Situationen sind auf eine Art gleich. Mit den Kaizer Chiefs wollten wir jedes Spiel gewinnen und den Titel holen. Es war die eigene Motivation, alles gewinnen zu wollen. Das ist auch eine Art Stress. Auch in Bielefeld wollen wir immer gewinnen, weil wir den Abstieg vermeiden wollen. Beide Situationen erzeugen Stress auf ihre eigene Art. Der eine Stress entsteht durch die Jagd nach Erfolgen und Trophäen, der anderen dadurch, den Abstieg zu vermeiden. Sicherlich gibt es Unterschiede, aber vieles ist auch vergleichbar. Jedes Mal, wenn wir in Bielefeld ein Spiel gewinnen, ist das ein Punkt zur Erhaltung der Liga, für den wir jeden Tag hart arbeiten. Wir freuen uns über jeden Sieg, denn wir glauben, dass wir ihn verdient haben. Hoffentlich müssen wir in dieser Saison nicht wieder bis zum letzten Spieltag warten, um uns zu retten. Ich hoffe, dass wir dieses Ziel dieses Mal früher erreichen. Aber jedes Spiel ist fast wie ein Endspiel für uns, und hoffentlich werden wir wieder mehr als 40 Punkte erreichen.
Du bist nun 30 Jahre alt. Ich kann es gar nicht glauben, weil du jünger aussiehst …
Fernandez: Ich lege Wert darauf, gesund zu leben. Ich esse und trinke bewusst. Eine Profikarriere dauert nicht so lange, sie dauert meist nur 10-15 Jahre und hängt von der eigenen Konstitution ab. Wenn man als Torhüter auf seine Gesundheit achtet, kann man auch noch mit 38 oder 39 Jahren spielen. Das ist mein Ziel, so lange als möglich zu spielen.
Wie könnte die Zukunft von Rowen Fernandez aussehen?
Fernandez: Zunächst möchte ich für die nächsten Jahre in Europa spielen. Es ist schwierig zu sagen, was die Zukunft bringt. Aber ich hoffe natürlich, wieder die Nr. 1 in der Nationalmannschaft Südafrikas zu werden und bei der Weltmeisterschaft 2010 dabei zu sein, dann hoffe ich regelmäßig in der ersten Bundesliga zu spielen. Ansonsten ist alles möglich, UEFA-Cup, Champions-League. Es ist wichtig, Träume zu haben, denn manchmal kann man sie auch verwirklichen. Träume motivieren Menschen. Wir werden sehen.
Wir von Goalkeeping.com wünschen dir jedenfalls, dass möglichst viele deiner Träume in Erfüllung gehen, und bedanken uns dafür, dass du dir für uns Zeit genommen hast.
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