Interview mit Ronny Kockel
von Artur Stopper (06/2009); Fotos: goalkeeping.com
Ein Torhüter mit einer besonderen Vergangenheit ist Ronny Kockel. Nach verschiedenen Stationen, unter anderen im Regionalligakader von Arminia Bielefeld und den Stuttgarter Kickers , spielte er jeweils ein Jahr in Zypern bei Olympiakos Nikosia und bei Eintracht Trier. Als erster deutscher Fußballprofi ging er Anfang 2008 in den Iran und heuerte beim Großstadtklub Paykan Teheran an. Seit Januar dieses Jahres spielte er beim VfR Mannheim in der Oberliga Baden- Württemberg, bevor er in der letzten Woche einen Vertrag bei Bayer Uerdingen unterschrieb.
In einem Gespräch mit Goalkeeping.com äußerte sich Ronny zu seinen Erfahrungen und seinem ungewöhnlichen Ende im Iran sowie seinen weiteren Zukunftsplänen.
Ronny, du warst der erste deutsche Profi im Iran, einem für Berufsfußballer ungewohnten Land. Seit der Rückrunde der abgelaufenen Saison spieltest du beim VfR Mannheim. Macht es dich eher traurig, nicht mehr im Iran tätig zu sein, oder bist du eher froh, wieder in Deutschland zu sein?
Kockel: Ich sehe das mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Das weinende bezieht sich auf den finanziellen Aspekt, der auch der Grund war, warum ich in den Iran gewechselt war. Das lachende Auge besteht darin, dass ich die Lebensqualität wieder gefunden habe, die wir Europäer gewohnt sind. Außerdem bin ich schon auch wieder froh, bei meinen Eltern und Freunden zu sein.
Du wechseltest im Sommer 2008 zum Hauptstadt-Klub Paykan Teheran. Ein Wechsel in den Iran ist sehr ungewöhnlich. Wie kam dieser Wechsel überhaupt zustande?
Kockel: Nachdem ich Trier verlassen hatte, lag mir bereits eine Anfrage aus dem Iran vor. Damals konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, in dieses Land zu wechselt, da man ja schon Verschiedenes über dieses Land gehört hatte. Der Verein bot mir an, die Verhältnisse vor Ort eine Woche lang anzuschauen, was ich dann zusammen mit meiner damaligen Freundin auch gemacht habe. Nachdem der Verein finanziell noch einmal nachgebessert hatte, entschloss ich mich zu diesem Schritt.
„Andere Länder, andere Sitten“. Mit welchen Sitten konntest du dich in diesem exotischen Land am wenigsten anfreunden?
Kockel: Das waren vor allem die Rituale, die es so gab. So wurde z.B. ab und zu mal vor dem Training einem Schaf die Kehle durchgeschnitten. Nachdem das Schaf ausgeblutet war, mussten wir im Blut des Schafes mit den Fußballschuhen durchlaufen, weil das angeblich Glück bringen sollte. Das waren natürlich schon ungewohnte Dinge für mich.
Was hat dich an diesem Land positiv überrascht?
Kockel: Positiv war vor allem die Gastfreundschaft, die mir außerhalb des Fußballplatzes entgegen gebracht wurde. Die war schon beeindruckend. So bekam man z.B. ständig Einladungen zum Essen. Eine solche Gastfreundlichkeit hatte ich zuvor noch nie erlebt.
Wie populär ist der Fußball im Iran?
Kockel: Fußball ist im Iran die populärste Sportart. Auf dem Weg zum Training sieht man überall kickende Kinder. Die beiden Hauptvereine Persepolis Teheran und Esteghlal Teheran haben auch immer zwischen 60 000 und 120 000 Zuschauer. Wir hatten z.B. im Derby gegen Persepolis, bei denen Rainer Zobel damals Cheftrainer war, auch 60 000 Zuschauer, obwohl Schnee- und Matschwetter an diesem Tag herrschte. Wenn das Teheraner Stadtderby zwischen Persepolis und Esteghlal stattfindet, sind immer 120 000 Zuschauer im Stadion. Das ist natürlich schon phänomenal, vor einer solchen Kulisse zu spielen. Außerdem muss man bedenken, dass nur Männer im Stadion sind, da Frauen nicht ins Stadion dürfen.
Was unterscheidet den Berufsalltag eines Profis im Iran von dem eines deutschen Profifußballers?
Kockel: Eigentlich gibt es keine großen Unterschiede, außer dass es bei mir die ewig lang Anreise war. In Teheran leben zwischen 16 und 18 Millionen Menschen. Da herrscht ein solcher Verkehr, dass ich bereits 2 ½ Stunden vor Trainingsbeginn abgeholt werden musste, weil Staus Alltag waren. Das war natürlich irgendwann schon nervig, fast tagtäglich sowohl bei der Hinfahrt als auch bei der Rückfahrt im Stau zu stehen. So saß ich täglich zwischen vier und fünf Stunden nur im Auto. Das ging irgendwann schon an die Nerven.
Wie war eine Verständigung mit den Mitspielern überhaupt möglich? Du sprichst ja wohl kein persisch und englisch werden auch die wenigsten beherrschen …
Kockel: Genau so kann man das sehen. Man brachte mir schon die wichtigsten Worte für das Torwartspiel bei, aber ansonsten habe ich mich mit Händen und Füßen verständigt. Die einzigen, die etwas englisch sprachen, waren unsere beiden Ärzte, die mir das Wesentliche übersetzten. Außerdem war mir Dariush Yazdani noch eine Hilfe, der aus seiner Zeit bei Bayer Leverkusen ein bisschen deutsch und englisch konnte. Aber ansonsten sprach keiner aus der Mannschaft englisch. Das war schon recht heftig.
Deine Tätigkeit im Iran wurde per Gesetz von dem iranischen Fußballverband beendet, der einfach festsetzte, dass ausländische Torhüter nicht mehr in der ersten iranischen Liga das Tor hüten dürfen.
Kockel: So war das. Ich flog zusammen mit meiner Freundin in den Urlaub. Ich hatte mich darauf eingerichtet, dass ich entweder meinen Vertrag bei Paykan Teheran noch verlängern oder dass ich eines von zwei besseren Angeboten anderer Vereine annehmen würde. In meinem Urlaub bekam ich den Anruf, dass der iranische Fußballverband in einer Nacht- und Nebelaktion von heute auf morgen beschlossen hatte, dass keine ausländischen Torhüter mehr im Iran spielen dürfen.
Was war der Grund für dieses Gesetz?
Kockel: Diese Entscheidung habe ich bis heute auch noch nicht verstanden. Ich kann mir das nur so erklären, dass man die eigenen Torhüter schützen und in ihrer Entwicklung nicht behindern wollte. Sie haben eigentlich keine schlechten Torhüter. Schlecht sind allerdings die Torwarttrainer. Außer mir spielten aber nur noch zwei weitere ausländische Torhüter in der 18 Vereine umfassenden ersten Liga. Insofern war die Entscheidung schwer nachzuvollziehen.
Du hattest doch aber einen bestehenden Vertrag …
Kockel: Nein, hatte ich nicht. Man hatte mir angeboten, einen Vertrag für 1 ¾ Jahre zu unterschreiben. Ich war aber nur bereit, mich bis zum Saisonende zu binden, um zu sehen, ob ich mich überhaupt wohl fühlen und ich mit der neuen Umgebung zurecht kommen würde. Heute könnte ich mich dafür in den Arsch beißen, weil ich so im Nachhinein natürlich auf gutes Geld verzichtet habe.
Die Politik der iranischen Regierung ist weltweit sehr umstritten. Inwiefern hat Politik deine Arbeit tangiert?
Kockel: Gar nicht, da ich mich zu politischen Fragen damals nicht geäußert habe und dies auch zukünftig nicht tun werde.
Du bist jetzt 33 Jahre alt. Was hast du dir noch bis zu deinem Karriereende vorgenommen?
Kockel: Gute Frage, mal abwarten. Ich würde schon gerne noch einmal mit einer Mannschaft einen Aufstieg feiern. Ich bin jetzt 33 Jahre alt, fühle mich körperlich in einem guten Zustand. Und ich denke, dass ich schon noch einmal fünf bis sechs Jahre spielen kann.
Würdest du anderen Torhütern / Spielern eine Tätigkeit im Iran empfehlen?
Kockel: Schwer zu sagen. Das muss jeder mit sich selbst ausmachen. Es ist schon ein schweres Leben, wenn man dort unten allein ist und mit dieser anderen Kultur leben muss. Es ist nicht ganz einfach. Aber ich würde nie sagen, man sollte es tun oder lassen. Das hängt von der Offenheit jedes Einzelnen ab, jeder muss das für sich entscheiden.
Du hast seit letzter Woche einen Vertrag beim ehemaligen Bundesligisten Bayer Uerdingen unterzeichnet. Warum hast du dich gerade für diesen Verein entschieden?
Kockel: Wie bereits betont, möchte ich noch einmal in einem Verein arbeiten, der Aufstiegsziele hat und eine höhere Spielklasse erreichen will. Diese Voraussetzungen sehe ich in Uerdingen erfüllt. Ich jedenfalls freue mich auf meine neue Aufgabe.
Goalkeeping.com wünscht Dir viel Erfolg auf diesem Weg und bedankt sich dafür, dass Du Dir Zeit für uns genommen hast.



