Richard Golz (SC Freiburg / Hannover 96)

Richard Golz ist ein echtes "Urgestein" der Fussball-Bundesliga. Mittlerweile ist Richard mit seinen 38 Jahren schon etwas übers "beste" Torwartalter hinaus - hat aber seinen eigentlich schon begonnenen "Ruhestand" im August 2006 sofort wieder unterbrochen und einen 1 Jahres Vertrag bei Hannover 96 unterschrieben.

Richard Golz hat von 1987 - 1998 insgesamt 273 Bundesligaspiele für den Hamburger SV (HSV) absolviert. Direkt danach ging er zum SC Freiburg und bestritt bei den Badenern 180 Bundesligaspiele. Damit ist Richard nach Oliver Kahn der Spieler mit den zweitmeisten Spielen in der Bundesliga von allen noch aktiven Spielern.

Bemerkenswert ist (speziell in der heutigen Zeit, in der sich so manche Profis nicht die Bohne um die Gültigkeit ihrer Verträge scheren), dass Richard in seinen ersten 19 Jahren als Fussballprofi bisher nur bei 2 Vereinen aktiv war!!

Das Torwartspiel hat sich von ihren Anfängen als Profi bis heute verändert. Welche Änderungen lassen sich in den letzten 20 Jahren feststellen?

Richard Golz: Eine Hauptänderung ist sicherlich die Einführung der Rückpassregel. Als ich 1987 Profi wurde, war aus Sicht des Torwarts noch alles erlaubt. Früher konnte man den Ball noch aufnehmen und man konnte relativ gut auf Zeit spielen. Mit der Einführung der Rückpassregel wurde der Torhüter mehr fußballerisch gefordert. Das war natürlich ein großer Vorteil für diejenigen, die schon Fußball spielen konnten. Heute ist ja im Kindertraining die Position des Torhüters gar nicht mehr so fest, sondern es wird viel gewechselt, und das ist gut so. Man sieht auch an den jungen Torhütern, die herauskommen, dass die das bereits richtig im Blut haben. Dies ist heute eine Grundqualifikation, um erfolgreich zu sein. (schmunzelnd) Ich bin einer der letzten, die in dem alten System groß geworden sind.

Wie viel Gesundheit kostet 20 Jahre Profifußball?

Richard Golz:
Ich wundere mich selber im Moment. Mir geht`s eigentlich so gut, dass ich morgens nicht aufstehe und weiß, was ich die letzten 20 Jahre getan habe. Daher war der Zeitpunkt gar nicht so schlecht aufzuhören. Ich weiß natürlich nicht, was in den Knochen drin ist, ob irgendwann einmal eine Arthrose herauskommt, aber im Moment bin ich eigentlich zu gesund um aufzuhören.

Nach der „Katze“ Sepp Maier hatte man die letzten Jahre vor allem auf Krafttraining gesetzt. Wie viel Krafttraining halten Sie beim Torhüter für sinnvoll?

Richard Golz:
Ich denke, dass ein Torhüter natürlich über eine gute Muskulatur verfügen muss, weil z.B. bei Stürzen große Kräfte auf den Körper einwirken. Man kann sich nicht immer so gut technisch sauber abrollen, dass man keine Muskulatur braucht. Daher ist es wichtig, dass man gut ausgebildet ist, vor allem dass die Muskulatur in der Relation gut passt. Kein Torhüter braucht dicke Oberarme und der Rest ist unterentwickelt, sondern sie muss funktionsfähig sein. Man muss vor oder nach dem Training die Muskulatur nicht unbedingt aufpumpen, aber es ist wichtig, dass man regelmäßig Krafttraining macht.

Wie oft haben Sie pro Woche im Kraftraum gearbeitet?

Richard Golz: Zum Ende der Karriere wurde es immer mehr, weil sich die Trainingslehre natürlich auch verändert hat und das Bewusstsein in den letzten 10 Jahren stark zugenommen hat, dass man ein gutes Korsett haben muss. In den letzten Jahren habe ich in der Regel 2-3 mal pro Woche entweder vor oder nach dem Training spezielle Kraftübungen gemacht und hatte das Gefühl, dass es sich schnell bemerkbar machte, wenn ich es einmal schleifen ließ. Wenn ich Krafttraining regelmäßig durchführte, hatte ich keine Beschwerden, keine Rückenschmerzen oder ähnliches. Auch fühlte ich mich irgendwie besser.

Welche Rolle spielt die Körpergröße bei einem Torhüter?

Richard Golz:Man darf sie nicht über-, aber auch nicht unterschätzen. Momentan sind wohl die meisten Spitzentorhüter um die 1,90 m, was schon eine ganz gute Größe ist. Es gibt natürlich immer Torhüter, die kleiner sind, wie z.B. Gerhard Heinze früher (Anmerkung: Gerhard Heinze früher lange Jahre TH beim VFB Stuttgart) oder aktuell Christian Fiedler oder Stefan Klos, aber das sind dann schon Einzelfälle, die ihre körperlichen Nachteile durch eine gute Sprungkraft ausgleichen. Natürlich muss man als Torhüter nicht unbedingt groß sein, aber auch bei der Strafraumbeherrschung ist es für einen  Gegenspieler sicherlich beeindruckender, wenn ein TH dasteht, der etwas größer ist. Grundsätzlich ist Strafraumbeherrschung aber eher eine Frage des Timings. Es gibt auch große TH, die Probleme bei der Strafraumbeherrschung haben.
Größe ist sicherlich nicht alles, sondern Timing oder Selbstvertrauen sind genauso wichtig. Barthez ist dafür ein gutes Beispiel. In seiner allerbesten Zeit hatte er eine sehr gute Strafraumbeherrschung, zum Ende hin wurde es dann weniger. Man muss also nicht groß sein, aber es hilft schon.

Könnten sie sich einmal eine Tätigkeit als Torwarttrainer vorstellen?

Richard Golz: Ja, sehr gut. Das stand ja bereits am Ende der letzten Saison zur Diskussion. Ich habe mich dann für Weiterspielen entschieden. Ich bin jetzt am Anfang meiner Karriere nach dem Fußball und bin gespannt, was sich da noch entwickelt. Eine solche Tätigkeit kann ich mir jedenfalls gut vorstellen.

Worauf würden sie besonders viel Wert legen in der Ausbildung von Torhütern?

Richard Golz: In der Ausbildung, das heißt also im Jugendbereich, würde ich natürlich sehr viel Wert darauf legen, dass sie technisch gut ausgebildet sind, also auch komplett, fußballerisch und was Sprungkraft angeht, Koordination, richtig fallen muss man können, mit dem richtigen Bein abspringen, also die Grundtechniken, die es einem TH dann auch einfacher machen. Ich selbst bin auch so ein Beispiel dafür, dass es schwierig ist, Techniken, die sich falsch eingeschliffen haben, zu korrigieren, denn in meiner Jugendzeit gab es noch kaum Torwarttraining. Ich hätte durch rechtzeitiges Torwarttraining manches einfacher haben können. Manchmal reicht ein Schritt mehr und man hätte nicht wie ein Wahnsinniger durch die Gegend springen müssen.
Alles, was man früh gelernt hat, kommt einem zugute.

Sie haben den Psychotrick von Jens Lehmann bei der WM 2006 vor dem Elfmeterschießen gesehen. Mit welchen Psychotricks haben sie eigentlich vor dem Elfmeter gearbeitet?

Richard Golz: Man versucht natürlich schon, die Zeit zwischen dem Elfmeterpfiff und dem Schuss so lange wie möglich zu gestalten. Man versucht den Anlauf zu verzögern oder geht hin und sagt, dass der Ball falsch liege. Man versucht alles, dass der Schütze anfängt zu überlegen. Die Kunst besteht natürlich darin, seine eigene Konzentration zu erhalten. 

An welches Spiel erinnern sie sich besonders gerne?

Richard Golz: Es gibt natürlich einige schöne Spiele. Eines davon ist ohne Frage, weil ich nur bei 2  Profivereinen tätig war, nämlich beim HSV und dem SC Freiburg, ein Spiel gegen den HSV, in dem wir nur 0:0 gespielt hatten, aber ich in der letzten Minute einen Elfmeter von Jörg Butt in meiner ersten Saison in Freiburg gehalten hatte. Dieses Spiel gehört bestimmt zu den Top-Five-Spielen meiner Karriere. Das war wie im Film.

Welches Spiel würden Sie am liebsten aus Ihrem Gedächtnis streichen?

Richard Golz:  Es gibt natürlich so ein paar Spiele. In der Abstiegssaison haben wir mal hier in Freiburg 6:0 verloren. In meiner Zeit beim HSV haben wir gegen St. Pauli in der letzten Minute den Ausgleich kassiert, den ich mitverantwortet hatte. Das war das Schlimmste, war man mir als Torhüter vorgeworfen hat.

Wie sind Sie mit solchen Misserfolgserlebnissen umgegangen?

Richard Golz: Das war eine Phase, wo es mir anschließend nicht besonders gut ging. Ich habe daraufhin auch keine besonders gute Saison gespielt, was im Endeffekt dazu geführt hat, dass ich hier in Freiburg gelandet bin. Im Anschluss an das Spiel gegen St. Pauli hatte ich schon größere Probleme, denn es war eine besondere Situation in Hamburg gegen St. Pauli. Meinen Fehler haben mir viele HSV-Fans übel genommen, weil ich meine Sympathie für St. Pauli nie verhehlt habe. Dass mir ein solcher Fehler in einem  Derby passiert, hat mir selber stark zu schaffen gemacht und von außen viel Druck entwickelt. Grundsätzlich ist es aber am besten, wenn man nach einem solchen Fehler sofort wieder das nächste Spiel machen kann. Wichtig ist auch, dass man einen solchen Fehler nicht verdrängt, sondern sich das Ganze noch einmal anschaut und sich dann konstruktiv überlegt, was man in dieser Situation hätte anders machen können. Verdrängen hilft nicht, man muss sich der Situation stellen.

Haben Sie auch Erfahrungen mit mentalem Training?

Richard Golz: Ich habe ca. 10 Jahre mit einem Psychologen aus Hamburg privat zusammen-gearbeitet. Das war eigentlich keine große Geschichte. Es reicht eigentlich schon, wenn man bestimmte Situationen im Gespräch angesprochen hat. Der hat mich nicht hypnotisiert, es reicht schon, wenn man über verschiedene Sachen spricht. Dieser Bereich wird zukünftig stärker betont werden. Es hat bei uns noch diesen negativen Touch, weil man einen Psychologen mit einem Psychiater gleichsetzt. Wenn man mit einem Psychologen zu tun hat, ist man nicht krank.

Welche Tipps würden Sie einem jungen Torhüter geben?

Richard Golz: Grundsätzlich einmal, dass er nicht zu viel trainiert. Es gibt so viele Facetten im Torwarttraining, die man trainieren kann, ohne dass man sich kaputt trainiert, wie z.B. viele technische Übungen oder man regelmäßig seine Muskulatur trainiert, ohne dass man völlig platt ist. Als Torhüter kann man aber immer trainieren. Wenn man z.B. abends auf dem Sofa sitzt und einen Tennisball knetet, kann man die Finger-muskulatur stärken.

Eine private Frage: Wie schwer fällt eigentlich die Umstellung, wenn man 20 Jahre Profi war und ein besonderes Leben hatte, hin zum Alltag?


Richard Golz: Ich wundere mich eigentlich selber, wie leicht mir das gefallen ist. Sicherlich kommt der Moment, wo man denkt, dass es ganz nett wäre, noch einmal ein Spielchen zu machen, dafür machte es mir einfach zu viel Spaß, aber mit 38 Jahren stellte sich nicht erst seit gestern die Frage, wie es nach der Profikarriere weitergehen soll. Der Gedanke ist schon länger gereift und seit Jahren fixiert gewesen, dass ich im Verein eine Tätigkeit übernehme. So fällt der Abschied nicht so schwer, aber ich könnte natürlich auch jeden Moment wieder Fußball spielen, weil ich einfach Lust darauf habe. Das werde ich auch tun in irgendeiner Form, aber das Kapitel hier in Freiburg ist erst einmal abgeschlossen.

Letzte Frage: Wo steht der SC Freiburg am Saisonende?

Richard Golz: Ich bin ganz sicher, dass wir wieder aufsteigen. Die Tendenz, die wir zum Ende der Saison gezeigt haben, wird sich weiterziehen. Es wird natürlich kein Durchmarsch, aber ich glaube, dass wir am Ende der Saison aufsteigen.

Damit ist das Gespräch zuende. Wir bedanken uns ganz herzlich dafür, dass Sie sich für uns Zeit genommen haben.