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Interview mit René Adler (Bayer 04 Leverkusen)
von Artur Stopper (10/2007)
Zusammen mit dem Schalker Manuel Neuer ist der 22-jährige Rene Adler das hoffnungsvollste deutsche Torwarttalent. Viele sehen in seiner Art des Torwartspiels den Stil der Zukunft. Nachdem er schon alle Nachwuchs-Nationalmannschaften des DFB durchlaufen hat, scheint es nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis er wieder das Trikot mit dem Bundesadler trägt. Goalkeeping.com sprach mit Rene Adler über seine Trainingsarbeit, seine Ziele und Gedanken.
Du kamst mit 15 Jahren vom VfB Leipzig in die Jugend von Bayer Leverkusen. Wie und von wem wurdest du eigentlich entdeckt?
Adler: Entdeckt ist schwer zu sagen. Ich war im Rahmen von DFB-Fördermaß-nahmen in Lehrgänge der U-14 eingebunden. Man hatte damals alle 4 Wochen DFB-Lehrgänge in verschiedenen Sportschulen unterschiedlicher Bundesländer. Zu diesem Zeitpunkt war mein jetziger Torwarttrainer Rüdiger Vollborn beim DFB angestellt für die U-14 unter dem Torwarttrainer Jörg Daniel. Wir waren immer relativ große Trainingsgruppen mit bis zu 7 Torhütern. Bei einem Lehrgang in der Sportschule Leipzig habe ich erstmals mit Rüdiger Vollborn trainiert, und wir lagen menschlich wie sportlich sofort auf einer Wellenlänge. Wenig später kam dann unter anderem auch aus Leverkusen eine Anfrage, und so hat alles Weitere seinen Lauf genommen.
Ich habe gelesen, dass du die ersten 4 Jahre in Leverkusen im Haus deines Trainers Rüdiger Vollborn gewohnt hast. Ist das richtig und entwickelt sich dadurch ein besonderes Verhältnis?
Adler: Das ist richtig. Leverkusen handhabt es so, dass man nicht sehr viele Spieler von auswärts holt, sondern man sich überwiegend auf Talente aus dem näheren Umkreis beschränkt. Falls dann doch einmal ein Spieler von weiter entfernt geholt wird, wird der Spieler in einer Gastfamilie untergebracht, dass eine familiäre Atmos-phäre, die ein junger Spieler braucht, gewährleistet ist. In meinem Fall stand gerade keine Gastfamilie zur Verfügung. Deshalb hat sich Rüdiger in Absprache mit seiner Familie bereit erklärt, mich aufzunehmen. Bayer hat dabei den Ausbau des Dachbodens bezahlt, so dass ich dort mein kleines Reich mit Wohn-, Schlaf- und Badezimmer bekommen habe. Ohne Frage entwickelt sich durch diese Nähe ein besonderes Verhältnis. Rüdiger ist ein ganz wichtiger Mensch in meinem Leben, dem ich sehr viel zu verdanken habe und den ich bei wichtigen Entscheidungen immer wieder mit zu Rate ziehe.
Was schätzt du besonders an seiner Trainingsarbeit?
Adler: Für mich ist Rüdiger Trainer und Freund in einem. Aber auf dem Platz ist er auch manchmal mein härtester Kritiker, und das schätze ich eigentlich am meisten. Es gibt genug Leute, die mir auf die Schulter klopfen und sagen, was ich gut mache, wirklich weiter bringen mich Sachen, die mir Rüdiger sagt, nämlich was ich nicht so gut mache, und das schätze ich an ihm. Er weiß ganz genau, was mir liegt und wo ich mich noch verbessern muss. Dementsprechend trainieren wir auch und versuchen, jedes Training als kleine Etappe zu sehen, um große Ziele zu verfolgen.
Ab welchem Alter hattest du eigentlich regelmäßiges und systematisches Torwarttraining?
Adler: Bei mir war das eine Art Kombination. Ich muss dazu sagen, dass ich bei meiner Entwicklung viel den Jugendtrainern des VfB Leipzig zu verdanken habe. Ich war auf dem Sportgymnasium in Leipzig, welches ein Modell mit jungen Talenten hatte, das meiner Meinung nach vorbildlich ist, wo man Dienstag- und Donnerstag-vormittag im Rahmen der Schule im sogenannten Profilsport unter Mannschafts-trainern trainieren konnte und dann erst in den Unterricht ging, was aber als Doppelstunde in der Schule abgetan worden ist. Dadurch konnte ich vormittags immer im Feld trainieren und mich im Nachmittagstraining auf meine Tätigkeit im Tor konzentrieren. Das erste Mal richtiges Torwarttraining hatte ich mit 12 oder 13 Jahren unter Rene Müller (Anmerkung der Redaktion: Ex-Nationaltorwart der DDR), leider nur ein Jahr, aber ich muss sagen, dass mir das eine Jahr in der C-Jugend sehr viel gebracht hat. Rene Müller war ein Torhüter, zu dem ich persönlich auch aufgeschaut habe.
Gab es für dich ein Torhütervorbild oder gibt es sogar noch eins?
Adler: Mit dem Vorbildbegriff tue ich mich immer ein bisschen schwer. Jeder Torhüter in Europa und auf der Welt hat seinen individuellen Stil, den er auch behalten sollte. Dass man sich dabei gewisse Stärken von Torhüter A bis Torhüter X abschaut, ist klar. Auch ich schaue mir Stärken von Torhütern ab und versuche sie in mein Spiel einzubauen. Früher fand ich Peter Schmeichel immer super, zumal er in meinem absoluten Lieblingsklub spielte, und natürlich Rene Müller, weil ich auch die Möglichkeit hatte, unter ihm zu trainieren, und er eine DDR-Legende im Tor war.
Du hattest damals durch die Rotsperre von Jörg Butt die Chance, ins Tor zu kommen. Glaubst du, dass du auch Stammtorhüter geworden wärst, wenn Jörg Butt nicht vom Platz gestellt worden wäre?
Adler: Über hypothetische Fragen mache ich mir auch sonst nie Gedanken. Ich bin ein Mensch, bei dem es keine „Wenns“ gibt. Darüber habe ich also nie nachgedacht.
Ich fand, dass du dich damals gegenüber Jörg Butt wenig fordernd und zurückhaltend verhalten hast, trotz deiner tollen Kritiken, die du für deine überzeugenden Einsätze erhalten hast. Ist es dein Naturell, zurückhaltend zu sein, oder spricht daraus die Überzeugung, dass du es langfristig sowieso geschafft hättest?
Adler: Na gut, ich bin mit der absoluten Überzeugung nach Leverkusen gekommen, hier irgendwann einmal Bundesliga zu spielen. Dabei wurde ich immer wieder von einigen Verletzungen gerade im Profibereich ein Stück zurückgeworfen. Die absolute Überzeugung und das Vertrauen in mich sind trotzdem nie gewichen. Und so war ich auch felsenfest davon überzeugt, dass ich irgendwann hier im Bundesligator spielen werde.
Wie viel Glück gehört dazu, den Weg ganz nach oben zu schaffen?
Adler: Ein gewisses Glück braucht man ohne Frage. So war das natürlich auch in meiner Situation durch eine Rote Karte von Jörg Butt. Als Torhüter ist es nun mal so, dass man meist durch eine Verletzung der Nr. 1 oder durch andere Umstände ins kalte Wasser geworfen wird. Auch dass es nach meiner Verletzung so schnell ging, gehört sicherlich auch ein bisschen Glück dazu. Aber ich bin ein Mensch, der auch einmal um die Ecke denkt und es mir so erkläre, dass ich es verdient habe, weil ich im Profibereich auch so viele Schritte zurückgehen musste. Durch meine halbjährige Pause aufgrund eines Rippenbruches erlebte ich es, auch wieder ganz unten zu sein. Ich bin aber der Überzeugung, dass man einmal ganz unten gewesen sein muss, um ganz nach oben zu kommen. So kann ich heute sagen, dass ich für die halbjährige Verletzungspause dankbar bin und diese Phase im Nachhinein nicht missen möchte, weil ich in dieser Zeit menschlich wie sportlich mehr gelernt habe als in den drei Jahren zuvor, in denen ich bereits Profi war. Das war die ausschlag-gebende Zeit, die mich so stark gemacht hat, die mich einige Dinge hat erkennen lassen und in der ich in meiner Persönlichkeit gereift bin. Insofern würde ich weniger von Glück reden, sondern sehe es als Ergebnis meiner harten Arbeit.
Könntest du noch genauer darstellen, warum du gerade diese lange Verletzungsphase als wichtige Ursache für deine enorm gut sportliche Entwicklung siehst?
Adler: Ich bin ein Mensch, der, wenn er etwas macht, es zu 100 % macht. Fußball war mein Leben und ist mein Leben. Somit hat sich in meinem Leben alles nur um Fußball gedreht. Das war wirklich mein Lebensmittelpunkt. Wenn einem dann so plötzlich acht Monate lang dieser Lebensmittelpunkt wegbricht und man trotz intensiver Bemühung einfach nicht weiterkommt, dann nagt das schon an einem. Das hat mich erkennen lassen, dass ich mich in meinem bisherigen Leben viel zu sehr auf Fußball fixiert habe. Ich bin heute viel ausgeglichener und habe Hobbys neben dem Fußball, was ich früher nicht hatte, denn mein Leben hatte sich zuvor nur um Fußball gedreht, und ich war besessen ehrgeizig. Das bin ich natürlich immer noch und habe auch noch große Ziele im Kopf, auf die ich täglich hinarbeite. Ich hatte aber früher ein schlechtes Gewissen, wenn ich nicht 100% von meinem Traum gelebt hatte. Diese Zeit der Verletzung hat mich erkennen lassen, dass es neben dem Fußball auch noch andere Dinge auf der Welt gibt, die schön sind und nichts mit Fußball zu tun haben. Und diese Erkenntnisse machen mich ruhiger und ausgeglichener, was für mein Naturell sehr wichtig ist.
Auch lernt man durch eine solch lange Verletzungspause die Menschen schätzen und lieben, die einem dann beistehen, wenn es einem gerade nicht so gut geht. Denn wenn man Erfolg hat, hat man viele Schulterklopfer, wenn es aber mal nicht so gut läuft, zeigen sich die wahren Freunde. Meine Familie und meine Freunde haben mir in dieser Zeit viel Halt gegeben. Deswegen war dies eine Zeit, in der ich gelernt habe umzudenken, was meiner Persönlichkeitsentwicklung sehr zugute gekommen ist. Heute bin ich der Meinung, dass ich diese Verletzungspause gebraucht habe, denn vor der Verletzung war ich in meiner Reife noch nicht so weit. Daher war es eine sehr schwere Zeit, die mich aber vorangebracht hat.
Du warst bei der U-19 und U-20-Nationalmannschaft auch zeitweise Mannschaftskapitän, was für einen Torhüter eher ungewöhnlich ist. Ist das nicht eine besondere Auszeichnung?
Adler: Ich hatte die große Chance, dass ich in jedem DFB-Juniorenteam spielen durfte, was für mich eine große Ehre war, weil es für mich das Größte ist, für mein Land zu spielen. Daher habe ich jedes Länderspiel genossen. Ich habe sehr viele Spieler kommen und gehen sehen. Ich bin eher von Naturell her so, dass mir meine Mitspieler am Herzen liegen. Deswegen glaube ich, dass ich vom Typ her eher ein Führungsspieler bin und auch immer ein gutes Verhältnis zu meinen Trainern hatte. Aber natürlich war es für mich eine große Ehre, als ich die Mannschaft aufs Spielfeld führen durfte.
Du redest während dem Spiel oft mit dir selber. Warum eigentlich?
Adler: Das war vor allem in den ersten Spielen so. Ich wollte dadurch meine Konzentration hoch halten. Ich mache aber auch viel visuelles und mentales Training, da ich glaube, dass sich ein Drittel des Torwartspiels im Kopf abspielt. Daher bin ich für solche Dinge sehr offen und nehme sie auch wahr. Es ist mir wichtig, dass ich mich 90 Minuten auf den Ball fixiere und versuche, die Bewegungen des Balles mitzumachen. Dadurch kann ich mich auf jeden neue Situation gut konzentrieren. Das Reden hat mir also in den ersten Spielen geholfen, auf den Ball fixiert zu bleiben und nicht abzuschalten. Mittlerweile habe ich meine Art gefunden, locker zu bleiben. Ich gebe Anweisungen und versuche, meinen Mitspielern mit einfachen Kommandos zu helfen, wobei das in den modernen Arenen oft schwer ist, weil wir uns oft auf 20 m Entfernung nicht mehr hören.
Könntest du noch etwas konkretisieren, wie und mit welchen Formen du im mentalen Bereich arbeitest?
Adler: Ich habe viel mit Mentaltrainern zusammen gearbeitet, weil ich wirklich der Meinung bin, dass sich beim Torwartspiel viel im Kopf entscheidet. Ich habe einfach die Erfahrung gemacht, dass man durch visuelles Training von bestimmten Bewegungsabläufen, die man sich immer wieder im Kopf durchspielt und sich damit quasi einprogrammiert, sich diese ins Unterbewusstsein einspeichert und dadurch auch Bewegungen bis zu einem gewissen prozentualen Anteil lernt. So gehe ich heutzutage immer noch Spiele so an, dass ich mich noch einmal hinlege und in Ruhe gewisse Bewegungsabläufe oder Spielsituationen durchgehe, wie sie für mich richtig sind.
Wie wichtig ist eigentlich Krafttraining in deinem Trainingsalltag?
Adler: Sicherlich sehr wichtig. Ich glaube, dass ich aufgrund der Verletzung und der bisherigen Erfahrung sehr gut gelernt habe, was meinem Körper gut tut und was nicht, und wie viel Pflege er benötigt. Daher nehme ich das Krafttraining sehr ernst. Für mich ist es wichtig, das Training im Kraftraum vor und anschließend nachzu-bereiten. Insofern kann ich schon sagen, dass ich jeden Tag Krafttraining mache, und zwar nicht dieses stupide Gewichtebolzen, sondern mit Sinn und Verstand, um mein Torwartspiel voranzutreiben. Dabei achte ich darauf, auch im oberen Bereich stabil zu sein und durch Übungen mit dem eigenen Körpergewicht sehr viel Stabilität in meinen Körper zu bekommen. Ferner nehme ich auch viele Möglichkeiten außerhalb des Mannschaftstrainings wahr, denn das Mannschaftstraining gewähr-leistet nur einen gewissen Anteil dessen, was ein Torhüter braucht. Wenn man sich verbessern will, sollte man auch zusätzlich in der trainingsfreien Zeit etwas für seinen Körper tun. Das ist für mich selbstverständlich, wenn ich eine bestimmte Berufsauf-fassung habe.
Arsenal London soll sich schon früher für dich interessiert haben, und es gibt nicht wenige, die der Meinung sind, dass Rene Adler irgendwann bei einem ausländischen Großverein landen wird. Ist das auch ein Ziel von dir?
Adler: Momentan zerbreche ich mir darüber noch nicht den Kopf. Ich kann sagen, dass Bayer Leverkusen absolut mein Verein ist, in dem ich bereits als Jugendspieler gespielt habe. Ich bin mit dem Ziel hierher gekommen, für diesen Klub irgendwann in der Bundesliga zu spielen und möchte mit diesem Verein etwas entwickeln. Mit dem Ausbau des Stadions, der jungen Mannschaft und dem Umdenken, nämlich auf junge Spieler mit einigen erfahrenen Spielern kombiniert zu setzen, ist Bayer in meinen Augen auf dem richtigen Weg. Da möchte ich in den nächsten Jahren mithelfen, etwas zu entwickeln und aufzubauen, um in absehbarer Zeit wieder um den Titel mitspielen zu können. Ich denke es ist nicht vermessen zu sagen, dass man mit unserer Mannschaft in einigen Jahren oben angreifen kann, wenn sie so zusammenbleibt und sich so weiter entwickelt, wie wir uns das erhoffen.
Du bist nach den überragenden Leistungen bei deinen ersten Bundesligaeinsätzen kometenhaft aufgestiegen. Wie hat sich dein Leben dadurch verändert?
Adler: Wenn ich sage würde, mein Leben habe sich nicht verändert, würde ich lügen. Es kommt natürlich mehr als früher vor, dass man erkannt und angesprochen wird. Aber gerade die Leute, die mich gut kennen oder mit mir viel Zeit verbringen, sagen mir, dass ich mich gar nicht verändert habe. Für mich gibt es keine Abgrenzungen, ob ein normaler Arbeitnehmer oder ein Prominenter, für mich ist jeder Mensch Mensch. Ich weiß auch, dass ich nicht mehr Wert bin als jeder Andere, nur weil ich einen Ball einigermaßen gut festhalten kann. Die Leute, die mir nahe stehen, werden bestätigen, dass ich mich nicht verändert habe. Aber trotzdem ist es natürlich am Anfang ein ungewohntes Gefühl, öfter in der Zeitung zu stehen oder erkannt zu werden. Für mich ist es aber eine Selbstverständlichkeit, den Fans wieder etwas zurückzugeben und jeden Autogrammwunsch zu erfüllen. Ich habe noch nicht vergessen, dass ich bis vor kurzer Zeit selbst noch Autogrammjäger war und mich gefreut habe, wenn ich mal ein paar Torwarthandschuhe geschenkt bekommen habe. Das sollte man nie vergessen.
Hast du eigentlich auch manchmal Angst davor, dass du von derselben Presse, die dich im Moment hochjubelt, irgendwann auch einmal gnadenlos zerrissen zu werden?
Adler: Ich bin mir bewusst, dass Fußball auch Tagesgeschäft ist, dass man kometenhaft aufsteigen und genauso schnell wieder fallen kann. Aber damit beschäftige ich mich nicht. Viele Leute haben mir auch gesagt, dass die zweite Saison die schwierigste wird. Für mich gibt es aber nicht die nächste schwierige Saison, sondern nur die nächste Saison oder das nächste Spiel. So gehe ich auch das Spiel an und bin mir bewusst, dass ich auch zerpflückt werden kann, wenn ich Fehler mache.
Wir von Goalkeeping.com wünschen dir, dass dir möglichst wenig Fehler unterlaufen und deine Ziele in Erfüllung gehen. Vielen Dank, dass du dir für uns Zeit genommen hast.
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