Interview mit Rainer Dinkelacker

von Artur Stopper (06/2010)

„Er wird ein gutes Turnier spielen“

Itumeleng Khune ist bereits im Alter von 22 Jahren die Nr. 1 der Bafana, der Nationalmannschaft des WM-Gastgeberlandes Südafrikas. Er ist damit der jüngste Stammtorwart aller teilnehmenden Nationalmannschaften. Mit einer Größe von 1,80 m ist er zugleich einer der kleinsten Torhüter des WM-Turniers.
Seit einigen Jahren wird er beim südafrikanischen Spitzenklub Kaizer Chiefs Johannesburg vom Deutschen Rainer Dinkelacker, der zum Trainingsbereich von Gaolkeeping.com schon einige Übungen mit dem Rückprallnetz beigesteuert hat, trainiert. Wir hatten die Möglichkeit, mit Rainer vorab über die Qualitäten der südafrikanischen Nr. 1, Itumeleng Khune, sowie über die Chancen der Bafana beim WM-Turnier zu reden.

Rainer, Du trainierst seit einigen Jahren Itumeleng Khune, die aktuelle Nr. 1 Südafrikas. Was traust Du ihm bei seiner ersten WM zu?
Dinkelacker: Ich denke, dass er ein gutes Turnier spielen wird, weil er bereits im letzten Jahr beim Confed-Cup eine gute Figur abgegeben hat. Es hat gezeigt, dass er die Belastung mental gut verarbeitet und seine Leistung rübergebracht hat. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt speziell bei einem jungen Torhüter, der natürlich noch nicht die Erfahrung haben kann wie ein Torhüter, der bereits 300 Spiele auf dem Buckel hat. Ich glaube sogar, dass es eine sehr gute WM für ihn werden könnte, wenn er ein bisschen Glück hat. Dieses Glück braucht ein Torhüter immer.

Keiner kennt Itumeleng Khune so gut wie Du. Wo siehst Du seine Stärken?
Dinkelacker: Seine Stärken liegen darin, dass er dieser Torspieler-Typ ist, der nicht nur seine Defensivarbeit verrichtet, sondern auch das Spiel gut eröffnen kann. Die Spieleröffnung mit dem Seitvolleyabschlag beherrscht er so gut wie nur wenige, er kann den Ball ungemein zielgenau zuspielen. Das können nicht viele Torhüter so exakt. Dies könnte ein großer Vorteil für ihn sein. Außerdem ist er sehr ehrgeizig, ist körperlich fit, hat eine gute Sprungkraft und ausgezeichnete Reflexe. Eigentlich bringt er alles mit, was ihn letztendlich auch zum Nationaltorhüter gemacht hat.

In welchen Bereichen kann er sich noch verbessern?
Dinkelacker: Verbessern kann er sicherlich noch, das Spiel besser lesen zu lernen. Diese Fähigkeit entwickelt sich mit der zunehmenden Erfahrung durch viele Spiele. Natürlich kann man auch im technischen Bereich noch einige Dinge korrigieren. Manchmal sind das nur Nuancen, wie z.B. die volle Streckung beim flachen Ball oder eine gute Faustabwehr. So gibt es immer wieder Kleinigkeiten, die man in der täglichen Trainingsarbeit zu verbessern sucht.
 
Jens Lehmann bemängelt bei den Deutschen Torhütern die mangelnde Erfahrung aufgrund ihres jungen Alters. Khune ist mit gerade mal 23 Jahren  noch jünger und die jüngste Nr. 1 aller teilnehmenden Länder. Für wie wichtig ist für Dich der Aspekt Erfahrung bei einem Torhüter?
Dinkelacker: Es ist sicher ein Vorteil, wenn man einen so erfahrenen Torhüter wie Kahn, Var der Sar oder aktuell Casillas, der aber auch schon in jungen Jahren eingesetzt wurde, in seiner Mannschaft hat. Die Erfahrung von vielen Spielen ist sicherlich kein Nachteil. Auf der anderen Seite sind die jungen Torhüter wie z.B. Manuel Neuer Typen, die mental gut drauf sind und sich nicht verrückt machen lassen. Diese neue, junge Generation geht mit einem großen Selbstvertrauen ins Spiel. Dieses Zutrauen in die eigene Leistungsstärke ist die wichtigste Voraussetzung, dass ein Torhüter seine Leistung im Wettkampf abrufen kann.

Itumeleng ist nicht nur einer der jüngsten, sondern mit 1,80 m einer der kleinsten Torhüter der WM. Wie bedeutend ist für Dich die Größe eines Torhüters?
Dinkelacker: Daran scheiden sich immer die Geister. Manche meinen, dass ein Torhüter in der Leistungsspitze mindestens 1,85 m groß sein müsse. Ich selbst habe dazu eine etwas andere Meinung. Ein großer Torwart hat sicherlich Vorteile bei Flanken, wo er sich bei einer ausgeprägteren Körpergröße besser durchsetzen kann. Auf der anderen Seite ist es für ein komplettes Torwartspiel nicht unbedingt nötig, dass man besonders groß ist. Wenn ein Torhüter gut antizipiert, schnell und technisch gut, kann er seinen Job genauso gut machen, wenn er nur 1,80 m groß ist.


Du hast auch einige Jahre Rowen Fernandez von Arminia Bielefeld trainiert, der leider noch kurzfristig aus dem Kader Südafrikas gestrichen wurde. Hätte ein erfahrener Torhüter wie Fernandez dem Team auf der Bank nicht gut getan?

Dinkelacker: Zuerst muss ich sagen, dass es sehr schade ist für Rouwen, im eigenen Land bei der WM nicht dabei ist. Ich bin sicher, dass er im Torwartteam der Bafana dabei gewesen wäre, wenn er aufgrund einer Verletzung mehr Spielpraxis bei Arminia Bielefeld gehabt hätte. Möglicherweise wäre er sogar die Nr.1 geworden, die er bereits bei der ersten Trainerstation Parreiras in Südafrika war. Leider war es einfach so, dass er über einen längeren Zeitraum hinweg keine Spielpraxis mehr hatte. Ich traf ihn vor ca. zwei Wochen im Fitness-Center in Johannesburg, wo er einen Fitness-Test absolviert hat. Er sagte mir, dass er soweit fit wäre. Ich kenne aber nicht die Ergebnisse des Tests. Schlussendlich war es wohl so, dass der Trainer von seiner aktuellen Leistungsfähigkeit nicht überzeugt war, wohl auch aufgrund der fehlenden Spielpraxis. Diese ist für einen Torhüter äußert wichtig, da ihm ansonsten oft das richtige Timing fehlt. Ich wäre mir ansonsten sicher gewesen, dass es auf der Bank mit Rouwen keine Probleme gegeben hätte, was er ja schon beim Confed-Cup bewiesen hat.


Du kennst den Fußball in Südafrika seit Jahren sehr genau. Was traust Du dieser Mannschaft bei der WM im eigenen Land zu?
Dinkelacker: Das ist genauso schwierig zu beantworten wie die Frage, wie Deutschland abschneiden wird. Zu Deutschland habe ich selbst auch kein richtiges Gefühl, auch wenn die Leistung gegen Bosnien-Herzegowina recht ordentlich war. Bei den Südafrikanern ist es so, dass sie wohl momentan auf einem ganz guten Weg sind. Gegen ein paar leichtere Aufbaugegner haben sie Tore erzielen dürfen, wodurch die Euphorie deutlich gewachsen ist. Die südafrikanische Mannschaft lebt aber von Emotionen und den Zuschauern, und wenn sie in den WM-Spielen Tore erzielen können, kann  es schon sein, dass dann einiges passiert. Ich glaube, dass sie die Vorrunde überstehen und somit eine Runde weiter kommen mit Hilfe der Zuschauer und einem hoffentlich sehr guten Khune im Tor. Es wäre natürlich für die ganze WM toll, wenn die Bafana möglichst lange dabei wäre, dann  wäre jeden Tag Feuerwerk in Südafrika.

Rainer, Goalkeeping wünscht Dir viel Spaß bei der WM und einen überragenden Itumeleng Khune im Tor der Südafrikaner.