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Interview mit Rainer Dinkelacker (Kaizer Chiefs)
von Artur Stopper (07/2008); Fotos: goalkeeping.com
Nicht viele Torwarttrainer verfügen über eine solch große fachliche Kompetenz wie Rainer Dinkelacker. Schon zu Zeiten, als das Torwarttraining selbst im Profibereich keine große Rolle spielte, befasste er sich intensiv mit dieser speziellen Materie. Als Leiter der REUSCH-Torwartcamps sammelte er von 1991-2001 auch Erfahrungen im Jugendbereich. Im Erwachsenenbereich war er in verschiedenen Amateur- und Profivereinen tätig und entwickelte Torhüter wie z.B. Sven Scheuer (lange Jahre bei Bayern München die Nr.2) zu Spitzentorhütern. Aufgaben im Ausland (USA, Österreich, Ungarn, Tunesien und Südafrika) schlossen sich an. Seit einigen Jahren ist er nun beim südafrikanischen Spitzenklub Kaizer Chiefs in Johannesburg beschäftigt, wo er auch Rowen Fernandez bis zu seinem Wechsel zu Arminia Bielefeld trainierte.
Goalkeeping.com gewann ihn letztes Jahr für einen gemeinsamen Videodreh zu Übungen mit dem Rückprallnetz, die ihr auf unserer Seite unter der Rubrik „Torwarttraining“ ansehen könnt.
Für Goalkeeping.com stellte sich Rainer Dinkelacker den Fragen zu seinem Leben und seinen Erfahrungen in Johannesburg, zu seinem ehemaligen Schützling Rowen Fernandez und zu der Situation in Südafrika vor der WM 2010.
Du bist seit 2 Jahren Torwarttrainer bei den Kaizer Chiefs in Johannesburg (Südafrika). Wie lebt es sich in Südafrika?
Dinkelacker: Allein wegen den klimatischen Bedingungen und der vielseitigen Natur lohnt es sich, in diesem Land zu leben. Es macht natürlich mehr Freude, wenn der Trainingsalltag aus diesen idealen Bedingungen besteht als zumindest zeitweise aus Schnee und Kälte oder Regen. Natürlich gibt es in diesem Land ein paar Einschränkungen bezüglich der Sicherheit. Aber solange man sich an die dafür erstellten Empfehlungen hält, gibt es keine Probleme.
Was vermisst du am meisten gegenüber Deutschland?
Dinkelacker: Natürlich vermisst man vor allem die Familie, Freunde und Bekannte, mit denen man sich früher oft spontan treffen und austauschen konnte. Diese Momente sind, abgesehen von E-Mails und Telefonaten, leider nur noch auf die wenigen Wochen im Jahr beschränkt, in denen wir uns in Deutschland aufhalten. Außerdem joggte ich früher gerne durch die heimischen Wälder, was in einer Stadt wie Johannesburg natürlich nicht mehr möglich ist. Auch die schwäbische Küche vermisse ich ab und zu.
Die Kaizer Chiefs sind einer der populärsten Klubs in Südafrika. Ist in Südafrika die Fußballbegeisterung ähnlich wie bei uns?
Dinkelacker: Definitiv, Kaizer Chief hat 14 Millionen Fans und der Club ist für viele eine Art Religion. Eine Niederlage des Vereins ist für viele schwarzen Anhänger ein schwer zu verarbeitendes Problem, was sich mitunter im beruflichen Verhalten als auch im Privatleben negativ äußert.
Du trainierst im Moment die beiden südafrikanischen Spitzentorhüter Emile Baron und Itumeleng Khune. Haben diese Torhüter das Leistungsvermögen europäischer Toptorhüter?
Dinkelacker: Da bin ich mir ziemlich sicher, die beiden schätze ich mindestens so hoch ein wie Rowen Fernandez, den ich ja auch zur Nationalelf (Bafana) geführt habe, bevor er in die Bundesliga zu Bielefeld wechselte. Emile Baron hat ja bereits in Norwegen internationale Fußballluft geschnuppert, ist aber leider etwas verletzungsanfällig. Der Jüngste, Itu Khune, hat meiner Ansicht nach das größte Potential und wird, wenn alles normal läuft, 2010 für Südafrika im Tor stehen. Ihn könnte ich mir auch in 2-3 Jahren in einem europäischen Club vorstellen. Er ist ein großes Talent!
Haben afrikanische Torhüter eine andere Mentalität als europäische und muss man daher mit ihnen anders trainieren und umgehen?
Dinkelacker: Ja, die südafrikanische Mentalität (eher mal langsam und etwas vergesslich) ist anders als die europäische, aber im Trainingsbetrieb gibt es keinen Unterschied. Das Training sollte immer motivierend und abwechslungsreich und der Umgangston moderat sein. Schleifermethoden sind hier völlig falsch am Platz. Die Jungs bringen von Haus aus eine gewisse Geschmeidigkeit und Explosivität mit, die man eben in die richtige Richtung lenken muss.
Ihr habt vor kurzem den Telekom-Cup in Südafrika gewonnen. Dabei hielt dein Torhüter 4 Strafstöße und war der Matchwinner. Gibt es ein Geheimnis beim Elfmeterschießen?
Dinkelacker: Ich denke, dass ein Geheimnis darin besteht, möglichst lange stehen zu bleiben, so dass der Schütze verunsichert wird und nicht auf die frühzeitige Bewegung des Torhüters reagieren kann. Sicherlich ist es auch von Vorteil, wenn man die gegnerischen Schützen und ihre bevorzugte Ecke kennt. Aber auch Glück spielt immer eine gewisse Rolle. Darüber hinaus scheinen noch andere Fähigkeiten von Bedeutung zu sein, denn es gibt hervorragende Torhüter, die aber beim Elfmeterschießen wenig erfolgreich sind. Hierzulande spielt auch Muti, der Aberglaube, eine Rolle. Zum Beispiel haben wir einen Muti-Mann, der schon mal Kerzen in der Kabine aufstellt oder die Trikots mit speziellem Wasser bespritzt.
Dein ehemaliger Schützling Rowen Fernadez spielt jetzt bei Arminia
Bielefeld. Er hatte dort durch die Verletzung von Mathias Hain zunächst einige Einsätze und hat sich gegen Saisonende sogar als Stammtorwart durchgesetzt. Wie beurteilst du seine Leistungen?
Dinkelacker: Soweit ich das verfolgen konnte, war es anfangs schwierig, aber jetzt hat er doch gezeigt, dass er die Qualität zu einem Bundesligatorhüter hat. Wenn er so weiterspielt, könnte er die Nr.1 in Bielefeld bleiben.
Rowen Fernandez kündigte im Kicker an, dass er den Verein Arminia Bielefeld im Sommer verlassen wolle, wenn er zu diesem Zeitpunkt noch die Nr. 2 sein sollte, da er seine Chancen in der Nationalmannschaft Südafrikas wahren will. Wie denkst du über diesen Standpunkt?
Dinkelacker: Das ist sicherlich eine richtige Überlegung. Falls er noch ein Jahr in Bielefeld auf der Bank hätte sitzen müssen, hätte ihm einfach die Spielpraxis gefehlt, die dann vermutlich zum Verlust seines Platzes im Nationalteam geführt hätte.
In Deutschland wurden ja die gleichen Diskussionen zu Lehmann und Hildebrand geführt. Hältst du es für absolut notwendig, dass ein Torhüter im Verein spielen muss, wenn er Nationaltorwart sein möchte?
Dinkelacker: Ja, ich halte das für notwendig, denn die Spielpraxis ist durch nichts zu ersetzen. Das konnte man sowohl bei Lehmann im Spiel gegen Österreich als auch bei Fernandez bei einem Länderspiel hier in Südafrika beobachten, beiden merkte man die fehlende Praxis deutlich an.
Die nächste Fußball-WM findet 2010 in Südafrika statt. Wie viel WM-Euphorie ist schon jetzt spürbar?
Dinkelacker: Es ist eigentlich noch relativ ruhig. Es wird kräftig gebaut, ab und zu liest man Berichte von Kommissionen, die nach dem Stand der Dinge schauen. Mir fiel auf, dass mehr und mehr Firmen versuchen, irgendwie den Fuß in die Tür zu bringen, um am WM- Business zu verdienen. Ich denke, dass viele glauben, Entwicklungshilfe sei notwendig. Das ist ein Fehler, denn die Südafrikaner lassen sich sicher nicht die Butter vom Brot nehmen. Außerdem sind Diskussionen über die Nationalelf mehr und mehr ein Thema. Der 3:0 Sieg gegen Paraguay hat viele positiv gestimmt. Es ist aber sicher noch ein weiter Weg für Perreira. Auch ist angedacht, das Team 4 Monate vor WM-Beginn zusammenzuziehen, um eine optimale Vorbereitung zu ermöglichen.
Welche Chancen gibst du deinen beiden Torhütern, bei der WM im Team von Südafrika dabei zu sein?
Dinkelacker: Mein Traum ist ein Torwartteam mit Fernandez, Khune und einem weiteren Dritten. Ich denke, das ist auch nicht unrealistisch.
Du verfolgst sicherlich noch immer die Bundesliga. Welcher Torhüter hat dich positiv überrascht?
Dinkelacker: Es sind zwei, nämlich Rene Adler und der Schalker Neuer, die mit ihren jungen Jahren bereits hervorragenden Leistungen abliefern und für die Zukunft noch ein großartiges Entwicklungspotential besitzen.
Was sind für dich die wichtigsten Voraussetzungen, die ein Torhüter mitbringen muss, um es in den Spitzenbereich zu schaffen?
Dinkelacker: Zunächst ist ein früh beginnendes, spezielles und sinnvolles Torwarttraining wichtig, denn es ist später ungeheuer schwer, falsch erlernte Techniken wieder heraus zu schleifen. Natürlich sind ein gewisses Maß an Talent sowie eine entsprechende Körpergröße, zumindest im Spitzenbereich, auch von Bedeutung. Ebenso sind in heutigen modernen Spielsystemen fußballerische Fähigkeiten der Torhüter absolute Voraussetzung. Nicht vergessen werden darf die mentale Stärke eines Torhüters, denn gerade auf einem Torhüter lastet im Spiel der meiste Druck, da ein Fehler von ihm ein Spiel allein entscheiden kann.
Du bist schon über 20 Jahre als Torwarttrainer tätig. Welche großen Veränderungen hat es in dieser Zeit im Torwartspiel gegeben, und wie hat sich dadurch das Torwarttraining verändert?
Dinkelacker: Das Spiel ist insgesamt viel schneller und athletischer geworden. Für den Torhüter hat natürlich die Regeländerung, dass er Rückpässe nicht mehr mit der Hand aufnehmen darf, sein Spiel deutlich verändert. So spricht man inzwischen innerhalb des württembergischen Fußballverbandes nicht mehr vom Torhüter, sondern vom Torspieler, wodurch seine zusätzliche Rolle als elfter Feldspieler zum Ausdruck kommt. Für das Training bedeutet die veränderte Torhüterrolle, dass Rückpässe und Zuspiele immer wieder ins Torwarttraining eingebaut werden müssen.
Eine besondere Bedeutung kommt dem Torhüter aber inzwischen auch bei der Spieleröffnung zu. Durch schnelle, zielgenaue Abschläge oder Abwürfe kann der Torhüter zum ersten Angreifer werden.
Außerdem sind die in früheren Zeiten angewendeten Methoden mit häufigen Wiederholungen heutzutage überholt. Es wird mehr Wert darauf gelegt, die Übungen technisch sauber und explosiv durchzuführen.
Wie könnte deine absehbare berufliche Zukunft aussehen?
Dinkelacker: Ich habe hier noch einen Vertrag bis Juni 2009, und dann wird man sehen. Persönlich könnte ich mir noch weitere 2 Jahre in Johannesburg vorstellen, denn ich würde gerne auch den Weg mit Itu Khune zur WM gehen. Ansonsten bin ich ebenso für andere Möglichkeiten offen. Wie sagt doch der Kaiser aus Deutschland: „Schau mer mal.“
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