Interview mit Markus Miller (Karlsruher SC)

von Artur Stopper (04/2008); Fotos: goalkeeping.com

„Verletzung als Herausforderung angenommen …“
Zu den Toptorhütern dieser Saison in Deutschland zählt sicherlich Markus Miller vom Karlsruher SC. Trotz seiner schweren Kreuzbandverletzung in der Vorrunde zeigt er bereits nach wenigen Wochen der Genesung schon wieder überragende Leistungen. Goalkeeping.com sprach mit Markus Miller über seine momentane Situation und seine Zukunftsgedanken.

Trotz dieser schweren Verletzung und der damit verbundenen Auszeit zeigst du schon wieder überragende Leistungen. Woher nimmst du schon diese Sicherheit?

Miller: (lacht) Ich habe von Anfang die Verletzung als Herausforderung angenommen und mir gesagt, dass ich daraus gestärkt hervorgehen will. Außerdem habe ich mich in dieser Zeit sehr viel mit dem Torwartspiel beschäftigt. Sobald ich auf dem Platz war, wollte ich sofort immer mehr. Das ist sicherlich auch manchmal hinderlich, wenn man zu viel will, aber ich bin einer, der sich selten zufrieden gibt, vielleicht gab das den Ausschlag.

In der Zeitschrift „Kicker“ warst du bis zu deiner Verletzung die Nummer 1 in der Torhüterrangliste. Wie wichtig sind dir solche Bewertungen?
Miller: Es ist sicherlich schön, wenn man das liest, aber letztendlich ist es nur ein Rankingsystem einer Sportzeitschrift, die auch bestimmten Kriterien unterworfen ist. Manchmal erhält man z.B. als Torhüter eine schlechte Benotung, wenn man mit der Mannschaft hoch verloren, obwohl man selbst gar nicht so schlecht gespielt hat. Es ist immer eine Frage des Standpunktes, wie man Leistung sieht. Natürlich ehrt einen eine solche Bewertung ein bisschen, aber man schaut sie sich an, freut sich und konzentriert sich wieder auf seine eigentliche Arbeit.

Spektakuläre Reflexe auf der Linie sind ein Markenzeichen von dir. Kann man diese erlernen oder sind sie angeboren?
Miller: Gut, ich denke, dass ich davon schon etwas in die Wiege gelegt bekommen habe, aber letztendlich ist es nur ein Kopfabschalten und Reagieren. Wenn man dies beherrscht, kann es wahrscheinlich jeder annähernd gut. Aber natürlich ist es vor allem eine Trainingsfrage, denn wenn man es ständig trainiert, braucht man nicht mehr zu denken, sondern der Körper handelt automatisch.

In der Kicker-Bewertung der Torhüter am Ende des letzten Jahres wurde bemängelt, dass dir im Strafraum noch „der allerletzte Schliff“ fehlt. Siehst du das auch so?
Miller: Ich glaube, dass das am Anfang meiner Karriere zweifelsfrei so war, aber jeder junge Torhüter hat in den Anfangsjahren seine Schwächen.  Es steht halt irgendwo und wird immer wieder aufgegriffen, obwohl ich laut Statistik mit führend in der Ersten Bundesliga bin, was das Abfangen von Flanken und Eckbällen angeht. Ich habe schon letzte Saison versucht, mich in diesem Bereich zu verbessern und habe es geschafft, dass dies fast eine Stärke von mir wurde. Auch ist es mir gelungen, diese Verbesserung in die Erste Liga rüber zu nehmen. Wir arbeiten wöchentlich daran, dass ich der Mannschaft in diesem Bereich noch mehr Sicherheit geben kann. Ich habe inzwischen aber kein Problem mehr damit, wenn dies Journalisten immer wieder schreiben, ich kann nur noch darüber schmunzeln. Sicherlich wird diese Behauptung aber sofort wieder aktuell, wenn ich nach zehn gehaltenen Flanken bei einer mal wieder danebengreife, was immer mal drin ist.

Deine Spielweise wurde vom „Kicker“ mit „explosiver Aggressivität“ umschrieben. Könntest du uns genauer erklären, was der Autor des Artikels damit meinen könnte?

Miller: (lacht) Das ist natürlich eine Frage, wie man diese Aussage interpretiert, ob man die Aussage auf die Bewegung, auf die Dynamik gegen den Ball oder eventuell auf das Wachrütteln von Mitspielern bezieht. Vielleicht hatte er auch nur gemeint, dass ich hin und wieder mal einen Ball gut halte und wollte diesen Sachverhalt spektakulär ausdrücken.

Könnte diese schwere Verletzung Einfluss auf deine Spielweise haben, z.B. dass du mehr Angst vor Verletzungen hast und dadurch vorsichtiger wirst?
Miller: Solche Verletzungen gehen sicherlich nicht spurlos an einem vorbei. Irgendwo im Innern gibt es sicherlich etwas, was sich nun anders verhält. Aber es ist jetzt schon einige Wochen her, seit ich wieder voll ins Training eingestiegen bin. Ich bemerke, dass sich meine Denkweise wöchentlich verändert. Ich weiß inzwischen auch aus vielen Gesprächen, dass es normal ist, dass sich die erste Zeit danach anders anfühlt. Man kann nicht einfach sagen, ich habe keine Angst mehr, man kann die Angst nicht einfach verdrängen, aber man bemerkt, dass sie nach und nach verschwindet.

Der KSC schlägt sich in dieser Saison so hervorragend, dass viele Vereine ein Auge auf KSC-Spieler werfen und einige bewährte Kräfte bereits abgeworben wurden. Auch du bist anscheinend zu haben …
Miller: Es ist normal, dass aus einer erfolgreichen Mannschaft verschiedene Spieler Angebote erhalten. Der KSC wird nächstes Jahr wieder eine starke Elf aufbieten.

Markus, ärgert es dich eigentlich manchmal, dass dein Name viel zu selten genannt wird, wenn es um die zukünftige Besetzung der Position des Nationaltorhüters geht, obwohl du schon über einen langen Zeitraum glänzende Leistungen zeigst?
Miller: Zunächst finde ich es eigenartig, dass vor diesem EM-Turnier so viel Unruhe durch die vielen Torhüterdiskussionen in die Mannschaft gebracht wird. Es wird sich normalerweise eh nicht viel ändern, Jens Lehmann, Timo Hildebrand und wahrscheinlich Robert Enke werden dabei sein. Ich selbst bin neu in der Ersten Bundesliga, spiele dadurch erst meine erste Saison und hatte eine schwere Verletzung, da finde ich es normal, dass ich nicht auftauche. Es ehrt mich natürlich, dass man an mich denkt, wie jetzt auch, aber ich weiß, meine Zeit wird noch kommen. Ich weiß, was ich kann und wo ich mich noch verbessern kann. Irgendwann sollten auch einmal ein paar internationale Spiele folgen, und dann wird das Thema Nationalmannschaft doch noch aktueller werden.

Würdest du nach deiner Einschätzung noch mehr in den Blickpunkt der Öffentlichkeit geraten und dann möglicherweise ein Kandidat für die Nationalmannschaft werden, wenn du in einem Großverein spielen würdest?
Miller: Es gibt viele Vereine, wo die Medienpräsenz schon enorm ist. Da haben wir hier in Karlsruhe ein relativ ruhiges Umfeld. Es ist die Frage, ob man bei einem Großverein, bei dem man als Torhüter weniger gefordert ist und die Stürmer mehr im Vordergrund stehen, mehr im Focus der Öffentlichkeit steht. Ich fühle mich jedenfalls hier in Karlsruhe sehr wohl. Wir haben hier eine gesunde Mischung zwischen erfolgreicher Spielweise der Mannschaft und den Paraden des Torhüters, und die Medien sind überall in der Ersten Liga inzwischen präsent.

Momentan werden fast wöchentlich neue Namen von Torhütern für den Kader zur EM 2008 genannt. Wie würdest du als Bundestrainer entscheiden?

Miller: Diese Entscheidung wird Jogi Löw und sein Trainerstab treffen.

Welche Ziele möchtest du in dieser Saison noch erreichen?
Miller:Mein erstes Ziel ist es, auch wenn es lächerlich klingt, die 40 Punkte zu erreichen. Es fehlen uns nur noch vier Punkte, aber ich bin der Meinung, dass man Ziele, die man sich gesetzt hatte, auch erreichen und sie nicht plötzlich wieder über den Haufen werfen und von 50 Punkte reden sollte. Ein Schritt nach dem anderen, wenn wir die 40 Punkte voll haben, können wir gerne die 50 Punkte oder noch mehr als Ziel formulieren. Es könnten gerne mal wieder ein paar Spiele dabei sein, wo ich mal wieder ein paar Bälle halte und die Null steht. Natürlich würde ich auch noch gerne die Saison konstant gut zu Ende spielen.

Wir von goalkeeping.com wünschen dir dazu viel Glück und vor allem, dass du gesund bleibst.