Interview mit Marc-Andre ter Stegen

von Artur Stopper (07/2011); Fotos: goalkeeping.com

Ein außergewöhnliches Torhütertalent wächst bei Borussia Mönchengladbach heran. Mit seinen gerade mal 19 Jahren trug Marc-Andre ter Stegen bei seinen Einsätzen in den letzten Spielen der abgelaufenen Saison entscheidend dazu bei, dass die Fohlen den Bundesligaabstieg in letzter Sekunde verhindern konnten. Obwohl er erst sechs Bundesligapartien absolviert hat, sehen ihn viele Experten bereits auf dem Weg zum zukünftig festen Bestandteil der deutschen Nationalmannschaft. Seit seinem 16. Lebensjahr stand er ohne Unterbrechung in den Nachwuchskadern des DFB und hat mit insgesamt 36 Spielen genauso viele Einsätze für verschiedene deutsche Nachwuchsteams wie Manuel Neuer.

Goalkeeping.com unterhielt sich mit Marc-Andre ter Stegen über seinen kometenhaften Aufstieg in der vergangenen Saison, über die Bedeutung seiner Einsätze in den DFB-Nachwuchsmannschaften sowie seinen weiteren Weg mit der Borussia.

„Leistungen sind am Ende entscheidend“

Marc-Andre, zunächst nachträglich noch einmal Gratulation zu Deinem sehr guten Einstand am Ende der letzten Saison. Du wurdest von der Presse überschwänglich gelobt. Wie lange kann man als Sportler von einem solchen Lob zehren?
ter Stegen: Es ist nur eine kurze Zeit, in der man darüber Gedanken verschwendet. Man muss Leistung immer wieder abrufen, und so ist es auch jetzt. Aber was man die letzte Saison erreicht hat, kann man positiv in die neue Saison mitnehmen. Wir müssen uns jetzt gut auf die neue Saison vorbereiten, alles andere zählt nicht.

Am 10. April 2011 gabst Du kurz vor Deinem 19. Geburtstag Dein Bundesligadebüt gegen den 1.FC Köln zu einem Zeitpunkt, als Gladbach sich noch mitten im Abstiegskampf befand. Warst Du selbst auch überrascht, dass Dir Cheftrainer Lucien Favre als so jungem und unerfahrenem Torhüter vor diesem wichtigen Spiel sein Vertrauen ausgesprochen hat?
ter Stegen: Natürlich war es schön für mich, dass mir Lucien Favre sein Vertrauen gegeben hat, zumal ich zuvor sechs Wochen verletzt war und erst wieder zwei Wochen auf dem Platz stand. Umso schöner war es, dass alles geklappt hat und wir 5:1 gewonnen haben.

Du hast erstaulich abgeklärt gewirkt. Hast Du keine Nerven?
ter Stegen: Ich musste der Mannschaft ein Rückhalt sein, und das versuchte ich im Spiel nachzuweisen. Wir hatten eine Situation, in der uns jeder bereits abgeschrieben hatte. Wir mussten deshalb alles geben. Da zählt nicht der Einzelne, sondern wir haben es als Kollektiv geschafft. Insgesamt wurde ich also sehr gut unterstützt.

Immer wieder wird diese für Deine jungen Jahre bereits eine erstaunliche Ruhe betont. Ist Dir diese Unaufgeregtheit angeboren oder kann man sie lernen oder trainieren?
ter Stegen: Das weiß ich nicht. Es ist so, dass ich zuvor in der U-23 gespielt und Erfahrungen gesammelt habe. Grundsätzlich verändert sich das Spiel auch auf einem höheren Level nicht, außer natürlich der Qualität der Spieler. Aber es wird weiter auf zwei Tore gespielt. Deswegen bin ich unbesorgt ins Spiel gegangen. Das werde ich auch weiterhin beibehalten.

Von einem Torhüter wird heutzutage verlangt, dass er seine Abwehr lautstark dirigiert. Hören etablierte und erfahrene Profis überhaupt auf einen Youngster?
ter Stegen: Ich denke, dass jeder jedem Respekt zollen sollte. Wir wollten alle zusammen Erfolg haben, und das haben wir auch gut hinbekommen. Dante und Stranzl haben mit ihrer Erfahrung die Abwehr zusammengehalten. Aber dass das Ganze funktioniert, muss jeder auf den anderen hören.

Besonders bei Deinem dritten Einsatz gegen Dortmund erhieltst Du überragende Kritiken.  Die Sportbild schrieb: „Die Hoffnung auf den Klassenerhalt hat einen Namen!“. Wie viel Lob verkraftet ein 19-Jähriger, ohne abzuheben?
ter Stegen: Man sollte solche Aussagen immer mit Vorsicht genießen. Als ich zur Nr.1 ernannt wurde, war die Situation so, dass wir jedes Spiel gewinnen mussten. Daher war es wichtig, dass man das Augenmerk nicht darauf legt, was drumherum passiert, sondern sich auf die Leistung konzentriert. Diesen Standpunkt werde ich auch weiterhin verfolgen und leben.

Die Boulevardpresse feiert Dich bereits als „Mini-Kahn“. Wo siehst Du selbst bei Dir Parallelen zu Oliver Kahn?
ter Stegen: Nein, ich denke, dass Marc-Andre ter Stegen Marc-Andre ter Stegen ist und nicht irgendjemand anderes. Ich bin ein eigener Typ und werde das weiterhin so bleiben.

Wie Manuel Neuer hast auch Du sämtliche Nachwuchsmannschaften des DFB  durchlaufen. Träumst Du manchmal davon, einen ähnlichen Weg gehen zu können wie er?
ter Stegen: Ich denke, dass ich mein eigenes Ding machen sollte. Uns steht eine schwierige Saison bevor, und das ist das Einzige, worauf ich mich konzentrieren möchte, nicht auf irgendetwas anderes. Leistungen sind am Ende entscheidend, egal für welche Situation. Entsprechend werde ich auch nur diesen Aspekt im Auge behalten, alles andere ist zunächst nebensächlich.

Vor zwei Jahren wurdest Du U-17-Europameister mit dem DFB-Nachwuchsteam. Du hast bereits 36 Spiele für verschiedene Jugendmannschaften  des DFB absolviert. Wie wichtig sind solche Berufungen für die Entwicklung eines Torhüters?

ter Stegen: Sie sind natürlich wichtig für die internationale Erfahrung. Man hat die Erfahrung gemacht, vor vielen Zuschauern zu spielen. Auch hat man bereits in der Jugendphase gelernt, mit dem Druck, der vor allem durch die Medien entsteht, umzugehen, gerade durch die EM- und WM-Erfahrungen. Diese Erfahrungen sind mir in der schwierigen Situation am Ende der letzten Saison zugutegekommen.

Natürlich sind solche internationale Erlebnisse auch immer etwas ganz Besonderes.
Kannst Du neben Deinem Vereinstraining auch zusätzlich noch vom Training in den DFB-Teams profitieren?

ter Stegen: Meistens ist es so, dass man bei der Vorbereitung auf die Länderspiele gar nicht so viel Zeit hat, dass man wirklich viel machen kann. Aber die knappe Zeit bei der Nationalmannschaft haben wir immer sinnvoll und strukturiert verbracht. Ich bin auch froh, dass ich dort einen Torwarttrainer hatte, der das Letzte aus mir herausgeholt hat und mit mir immer sehr gut umgegangen ist.

Trotz Deiner sportlichen Belastungen hast Du nebenbei noch das Fachabitur erfolgreich abgeschlossen. Wie schwierig ist es für einen jungen Leistungssportler, Schule und Sport unter einen Hut zu bringen?
ter Stegen: Das ist auf jeden Fall nicht einfach. Gerade am Ende habe ich gemerkt, dass es schwer war, beides miteinander zu verbinden. Durch die EM oder WM-Teilnahmen hatte ich viele Fehlzeiten und musste vieles nacharbeiten. Deshalb bin ich froh, dass es mir trotzdem gelungen ist, meine Schulzeit mit dem Fachabitur abzuschließen.

Wie erklärst Du Dir eigentlich, dass in der letzten Saison mit Baumann, Trapp, Zieler und Dir außergewöhnlich viele junge Torhüter bereits zur Nr.1 bestimmt wurden?
ter Stegen: Irgendwie setzt sich Leistung immer durch, und ich denke, dass alle Leistung gebracht haben in ihren Vereinen. Natürlich gehört auch immer etwas Glück dazu. Ich bin froh, dass es bei mir geklappt hat und schaue nicht auf andere. 

Dein Name ter Stegen ist ungewöhnlich für deutsche Ohren und klingt eher niederländisch. Gibt es bei Dir familiäre Verbindungen zu unserem Nachbarn?
ter Stegen: Nein, der Name kommt ursprünglich aus dem Flämischen, aber die Herkunft ist nicht mehr genau nachzuverfolgen. Aber ich bin Deutscher.

In einer Zeitung war vor kurzem der Satz zu lesen: „Der Weg des Marc-André ter Stegen ist vorgezeichnet.“  Siehst Du das auch so, oder welchen Weg siehst Du für Dich?
ter Stegen: Ich muss immer wieder betonen, dass am Ende nur die Leistung zählt. Diese möchte ich zukünftig bringen, dann wird man sehen, wie es weitergeht.

Beginnt nun Dein schwererer Weg, nämlich Deine guten Leistungen und die gestiegenen Erwartungen bestätigen zu müssen?
ter Stegen: Nein, überhaupt nicht. Es ist Vergangenheit, was passiert ist. Wir müssen nach vorne schauen, wir haben ein anderes Ziel als gegen den Abstieg zu spielen. Für mich ist wichtig, dass ich Leistung bringe, in jedem Spiel 100 % gebe und häufig 0:0 spiele. 

Ihr seid am Ende der letzten Saison mit einem blauen Auge davongekommen und konntet gerade noch den Abstieg vermeiden. Kannst Du uns Gründe nennen, warum Gladbach in der kommenden Saison nicht noch einmal in dieser Situation kommen wird?
ter Stegen: Im letzten Jahr sind viele Faktoren zusammen gekommen, die es nicht möglich gemacht haben, dass wir unten herauskamen. Es soll sich nicht nach einer Ausrede anhören, aber wir hatten viel Verletzungspech. So hat uns z.B. Dante lange gefehlt. Dadurch kam erst in den letzten Spielen eine Einheit zusammen. Ich hoffe, dass wir so etwas die nächste Saison nicht wieder erleben.

Wir von Goalkeeping.com bedanken uns für das Interview und wünschen Dir viel Erfolg in der kommenden Saison.