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Interview mit Jürgen Croy
von Gerd Janiszewski (05/2007)
Jürgen Croy (Jahrgang 1946) ist mit 94 Einsätzen DDR-Rekord Nationaltorhüter. Er nahm an zwei olympischen Spielen teil, holte dabei Bronze (1972) und Gold (1976) und war auch in jener legendären Elf, die 1974 bei der WM in Deutschland die dem späteren Weltmeister Bundesrepublik Deutschland mit 1:0 die einzige Niederlage beibrachte.
Jürgen Croy blieb sowohl während seiner aktiven Karriere, als auch danach seiner Heimatstadt Zwickau treu. Aktuell ist er Geschäftsführer bei der "Kultour Z GmbH".
Jürgen Croy, Sie waren einige Jahre Bürgermeister für Schule, Kultur und Sport und sind aktuell Geschäftsführer der Kultur, Tourismus und Messebetriebe Zwickau GmbH (KULTOUR Z.). Wie ist es dazu gekommen?
Croy: Ich war zuvor ein paar Jahre im Sportartikelvertrieb für Puma tätig. Der Job hat mir sehr viel Spaß gemacht, ist aber mit einer sehr hohen Reisetätigkeit verbunden. Anfang der 90er Jahre wurden gerade im Osten wahnsinnig viele Straßen gebaut, so dass man mehr gestanden ist als man fahren konnte. Als dann diese Stelle als Bürgermeister vakant war, habe ich mich darum bemüht und bin auch von den Zwickauern angenommen worden.
Können Sie sich solch eine Tätigkeit - nicht zuletzt nach dem Boom, den Puma in den letzten Jahren erlebt hat - nochmals als Aufgabe vorstellen?
Croy: Ich freue mich sehr dass die Firma Puma eine solche Entwicklung genommen hat. Anfang der 90er Jahre, als ich dabei war, war diese Entwicklung zurück zur Supermarke noch nicht unbedingt so vorhersehbar.
Es ist in der Zwischenzeit aber auch eine ganze Menge Wasser "die Mulde herunter gelaufen", wie man so schön sagt - so dass es eigentlich undenkbar ist. Zumal Puma ja auch eine gut funktionierende personelle Struktur hat. Ab und zu treffe ich mich noch mit ein paar PUMA-Mitarbeitern und es ist auch nach wie vor mein Favorit bei der Ausstattung. Aber das war’s dann auch.
Sie sind in Ihrer Heimatstadt Zwickau nicht nur Ehrenbürger, auch sportlich haben Sie sich während und auch nach ihrer aktiven Karriere als Spieler ausschließlich auf Zwickau konzentriert. Welches Angebot von anderen Vereinen hat Sie denn am meisten gereizt?
Croy: Man kann meine aktive Zeit sicherlich nicht mit der heutigen Zeit vergleichen. Wir als Nationalspieler zu DDR-Zeiten wußten, wenn wir einem Angebot, einer Verlockung aus dem westlichen Ausland erliegen, dann haben wir eigentlich keine Chance unsere Familie wieder zu sehen. Denn es wäre dort nie zu einer Familienzusammenführung gekommen. Außerdem waren für mich die Voraussetzungen in Zwickau sehr gut. Insofern kam ein Vereinswechsel nicht in Frage.
Das kann man auch mit der heutigen Zeit nicht mehr vergleichen - und einem sehr guten jungen Spieler kann man es eigentlich auch nicht verdenken, wenn er einen Vereinswechsel anstrebt. Das kann dann zum einen die sportlichen Gründe haben, sicherlich aber auch die finanziellen Gründe.
Ihr Wechsel innerhalb der DDR wurde doch aber heftigst gewünscht?
Croy: Das ist richtig, vor allem Dresden war zwar im Gespräch, stellte für mich aber nicht den ganz großen Reiz dar.
Nach Ihrer aktiven Fußballkarriere sind Sie auch als Trainer Zwickau treu geblieben...
Croy: ...das war aber eher ungewollt. Ich habe in Zwickau studiert (Diplomlehrer für Sport), und habe mich auch als geplante Ausnahme mit dem Zwickauer Nachwuchs (bis 21 Jahre) beschäftigt. Es hat mir viel Spaß gemacht, den Kindern und Jugendlichen etwas beibringen zu dürfen. Und wie das im Fußball halt immer so ist: da wurde der Trainer der 1. Mannschaft entlassen, und ich war von einer Stunde auf die andere der neue Trainer der Aktiven. Ich hatte das aber von vorn herein auf 4 Jahre begrenzt, da es nicht mein Lebensziel war und ist als Trainer zu arbeiten. Denn dort führt man so eine Art "Vagabundenleben" - und das wollte ich ganz einfach nicht. Ich habe den Rückzug nach den 4 Jahren auch nie bereut.
Gibt es die Chance, dass wir Sie vielleicht einmal in offizieller Funktion beim DFB erleben?
Croy: (lacht) Das glaube ich eher kaum. Ich habe immer noch das Gefühl, dass der DFB zu den ganz großen DDR-Fußballer (zu denen zähle ich mich ja auch) immer noch eine vornehme Zurückhaltung ausübt. Deshalb könnte ich mir im Moment in keinster Weise vorstellen, dass da irgend ein Angebot seitens des DFB kommen könnte.
Wie paßt es da ins Bild, dass Matthias Sammer jetzt eine Schlüsselposition in der Nachwuchsarbeit besetzt hat?
Croy: Da muß man differenzieren. Matthias Sammer - den ich übrigens sehr schätze - ist ein Spieler der in die Wiedervereinigung reingewachsen ist. Er hat ja für Stuttgart und Dortmund noch gespielt und war dort sogar Trainer.
Das ist eine ganz andere Situation. Die Deutschen, die ausschließlich zu DDR-Zeiten aktiv waren, sind den Personen in manchen Sportverbänden dann doch nicht ganz so sehr ans Herz gewachsen, wie das mit den Spielern, die in beiden Staaten aktiv waren, der Fall ist. Das ist menschlich auch verständlich, da habe ich kein Problem damit.
Heute hat (fast) jeder Verein, der etwas auf sich hält einen eigenen Torwarttrainer. Wie empfinden Sie die Entwicklung beim Torwarttraining?
Croy: Ich habe dazu wenig praktische Erfahrung. Aber ich halte Torwarttrainer generell für sehr effektiv, das Torwarttrainig sollte aber nicht nur auf die 1. Mannschaft konzentriert sein, sondern sich bis in den Jugendbereich fortsetzen. In meiner Zeit war das Torwarttraining vor allem das Schußtraining der Spieler und wenn sich dann ab und zu einmal der eine oder andere Trainer in einer Art "Privataudienz" noch für ca. 20 Minuten mit den Torhütern beschäftigt hat. Aber die wenigsten waren Torhüter-Spezialisten, die auch ein gezieltes Training machen konnten. Ich halte das deshalb auch für gut, dass es spezielle Torwarttrainer gibt.
In Deutschland hat es auch nach Ihrer aktiven Zeit immer wieder sehr dominante, teilweise überragende Torhüter gegeben. Woran liegt es aus Ihrer Sicht, dass Deutschland im Torwart-Bereich zwar immer wieder Spieler der absoluten Weltklasse hervorbringt, bei den Feldspielern aber das Leistungsniveau im internationalen Vergleich immer weiter abfällt?
Croy: Im Feldspielerbereich werden zu viele ausländische Fußballer geholt, die Vereine stehen da unter einem hohen Erfolgsdruck: sie müssen sehr schnell gute Ergebnisse bringen, um auch ihre Sponsoren bei Laune zu halten. Dem versuchen sie über die Verpflichtung von "fertigen Spielern" und Stars gerecht zu werden. Das ist bei den Feldspielern häufiger der Fall als beim Torwart. Dort vertraut man mehr der eigenen Ausbildung, dem eigenen Nachwuchs. Und es kommen deshalb immer wieder große Talente nach. Außerdem ist das Torhüterspiel in Mitteleuropa, speziell aber in Deutschland durchaus eine Position, in der gute Leistungen sehr schnell vom Publikum honoriert werden. In den südamerikanischen Ländern möchte man dagegen eher den mit der Hacke über den Kopf hochgezogenen Ball sehen. Deshalb ist der Torwart in solchen Ländern auch nicht unbedingt die bevorzugte Position von Jugendlichen.
Was waren für Sie die emotionalsten Moment Ihrer tollen Karriere als Profisportler?
Croy: In der DDR wurden wir Fussballprofis zwar als "Staatsamateure" bezeichnet, machten aber tatsächlich nichts anderes als Fußball spielen… (lacht)
Die Olympischen Spiele gehören auf alle Fälle dazu. Ich habe zweimal daran teilgenommen (1972 München, Bronzemedaille und 1976 in Montreal, Goldmedaille). Das sind schon sehr sehr emotionale Momente wenn man auf dem Treppchen steht und die Medaille entgegen nehmen kann. Dabei muß man ja auch sagen, dass wir die CSSR schlagen mußten (Europameister 1976), im Halbfinale die Sowjetunion und im Endspiel mußten wir die Polen bezwingen, die 2 Jahre zuvor immerhin WM-Dritter waren. Das waren richtige Spitzenmannschaften und das macht die Medaillien auch so wertvoll.
Dann sicherlich noch die Spiele auf europäischer Ebene. 1975/76 sind wir im Europapokal der Pokalsieger bis ins Halbfinale gekommen und haben dort rennomierte Klubs wie Panathinaikos Athen, AC Florenz und Celtic Glasgow geschlagen, sind aber leider am späteren Cupsieger RSC Anderlecht gescheitert. Das war eine sehr schöne Zeit. Dann würde ich auch ganz sicher noch die WM 1974 in der BRD nennen.
Welche drei Tipps geben Sie jungen Torwarttalenten auf den Weg?
Croy:
- Bei allem nötigen vorhandenen Grundtalent: nur ein effektives und engagiertes Training kann zum Erfolg führen.
- Es ist immer besser im Tor zu stehen als auf der Auswechselbank zu sitzen. Also lieber Spielpraxis sammeln als zu früh zu einem ganz großen Klub wechseln, um dort auf der Bank zu versauern.
- Man muß wissen, dass es im Sport Höhen und Tiefen gibt. Man darf sich da auch bei sicher kommenden Rückschlägen nicht beirren lassen. Man muß genauso hart trainieren wenn man einen Höhenflug hat aber auch nicht alles in Frage stellen, wenn man gerade mal einen Tiefpunkt erlebt.
Cottbus und Rostock sind nun in der 1. Liga; Magdeburg war kurz davor in die 2. Liga aufzusteigen, wo Aue und Jena schon warten…
Croy: …erstmal Kompliment and die Cottbuser, die das sehr souverän gemacht haben und „Hut ab!“ vor den Rostockern, bei denen das am Anfang der Serie ja nicht so rosig aussah, die Mannschaft hat sich unter Pagelsdorf sehr gut stabilisiert und den Sprung geschafft, über den wir uns alle auch sehr freuen. Auch vor dem FC Erzgebirge Aue und Jena ziehe ich meinen Hut. Die haben teilweise sehr schlechte wirtschaftliche Voraussetzungen, meistern die aber mit Bravour. Speziell bei Aue wurde ein "kleines Wunder" vollbracht. Sehr schön auch, dass Magdeburg nun wieder solch eine tolle Rolle in der Regionalliga spielt. Wäre schön, wenn es nächstes Jahr mit dem Aufstieg klappen würde.
Mein Wunsch als Sachse: Dresden soll sich finden, speziell jetzt wo auch der Stadionneubau scheinbar in die Gänge kommt. Dresden hat so ein tolles Publikum, dass sie auch wenigstens die 2. Bundesliga verdient haben.
Was muß getan werden, damit sich diese Situation verändert/verbessert? Ist Hr. Mateschitz (Red Bull) die Lösung?
Croy: Schwer zu beurteilen, ich glaube eher, dass es ein genialer Werbecoup für Red Bull war, die mit dieser Aktion - ohne Geld ausgeben zu müssen - ihren Namen noch bekannter gemacht haben. Ich weiß nicht, ob da eine gewisse Ernsthaftigkeit dahintergestanden hat tatsächlich in Leipzig einzusteigen. Und da muß man auch immer sehen, welche Bedingungen damit verknüpft sind, wenn solch ein erfolgreiches Unternehmen so umfangreich in einen Klub einsteigt. Inwieweit gibt es eine übergroße Dominanz der Firma und inwieweit werden die Fußball-Fachleute im Klub damit auch entmachtet? Dazu bin ich aber zu sehr Außenstehender - das kann ich nicht wirklich beurteilen.
Vielen Dank für das Interview und weiterhin Alles Gute für Sie!
Croy: Es hat mir Spaß gemacht, ich bedanke mich bei Ihnen.
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