Interview mit Hans Tilkowski

von Artur Stopper (04/2007); Fotos:

Hans Tilkowski ist einer der größten Torhüter, die Deutschland je hervorgebracht hat. 39 Länderspiele absolvierte er, weltberühmt jedoch wurde er durch die Niederlage im WM-Finale 1966 gegen England in Wembley: er kassierte das "Wembley-Tor", das eigentlich keines war. Einen interessanten Einblick gibt er auch in seinem Buch ("Und ewig fällt das Wembley-Tor").

Herr Tilkowski, Sie hatten mit Borussia Dortmund die größten Erfolge in Ihrer Karriere. Wie sehr schmerzt Sie die aktuelle Situation bei Borussia Dortmund?
Tilkowski: Die aktuelle Situation tut natürlich sehr weh als Dortmunder Junge. Ich  hatte jedoch selbst schon solche Situationen erlebt. Nach dem Gewinn des Europa-pokals waren wir auch in einem Leistungstief. Die Probleme, die Borussia Dortmund im Moment hat, liegen aber nicht in der Gegenwart, sondern in der Vergangenheit. Man hat nach meinem Empfinden nicht professionell genug gearbeitet.

Gehen Sie eigentlich noch regelmäßig zu den Spielen von Borussia?
Tilkowski: Ich bin noch bei jedem Spiel dabei, wenn ich zu Hause bin.

Kommen wir zu Ihrer aktiven Zeit. Wie oft sind Sie eigentlich schon in Ihrem Leben auf das Wembley-Tor angesprochen worden?
Tilkowski: Gezählt habe ich die Anfragen natürlich nicht. Aber ich wüsste, dass ich viel Geld verdient hätte, wenn diese Frage GEMA - pflichtig gewesen wäre. Der Titel meines Buches „Und ewig fällt das Wembley-Tor“ stammt ja auch aus solchen Begegnungen, denn immer sage ich Menschen, die ich  treffe und die mich bitten, eine Frage stellen zu dürfen, sofort „Er war nicht drin“.

Hat Sie dieses Tor vielleicht sogar unsterblich gemacht, obwohl es eine Niederlage einleitete?
Tilkowski: Sicherlich, das Wembley-Tor hat den Namen Tilkowski in der ganzen Welt bekannt gemacht. Trotzdem wäre ich lieber Weltmeister geworden. Das steht ohne Zweifel fest. Aber wir müssen mit dieser Entscheidung leben, und das Wembley-Tor, das kein Tor war, hat mich überall so bekannt gemacht, dass die Begriffe Wembley und Tilkowski zusammen gehören.

Haben Sie eigentlich noch Kontakt zu englischen Spielern aus dem WM-Finale, und haben diese inzwischen akzeptiert, dass es kein Tor war?

Tilkowski: Wir waren im letzten Jahr in England mit den damaligen englischen Spielern zusammen. Aber Sie geben natürlich nicht zu, dass es kein Tor war. Sie leben ja noch genauso von diesem Tor, wie ich mit dem nicht korrekten Tor lebe. Aber ich glaube schon, dass Sie das bei einer richtigen Analyse erkannt haben, obwohl Sie keine Antwort darauf geben müssen.

Gab es in Ihrer Zeit eigentlich auch schon ein spezielles Torwart-
training?

Tilkowski: Ja. Ich hatte sehr viel Torwarttraining, z.B. mit meinem damaligen Trainer Fritz Langner. Ich hatte als Jugendlicher in der Sportschule Kaiserau mit dem damaligen Verbandstrainer Herbert Widmayer und mit Walter Ochs viel spezielles Torwarttraining, ich glaube sogar viel spezieller als heute. Wir trainierten viele technische Feinheiten, wie Fausten oder den Dropkick. Es wurde nicht nur auf Kondition und Reaktion trainiert, sondern auch Abwürfe, die ankommen mussten, oder Abstöße vom Boden und aus der Luft. Wenn ich viele Torhüter heute sehe, glaube ich, dass sie zum Teil in diesen Bereichen große Defizite haben.

Waren Sie in Ihrer Zeit auch schon Vollprofi oder mussten Sie nebenher arbeiten?

Tilkowski: In den ersten acht Jahren, in der Zeit von 1955 bis 1963, waren wir Halbprofis, d.h. wir mussten noch einen Beruf ausüben. Wir verdienten damals 160 DM Grundgehalt. Pro Einsatz kamen 10 DM, also 40 DM im Monat, hinzu. Das restliche Geld von ca. 120 DM mussten wir uns durch Siege erarbeiten.

Die heutigen Spieler verdienen ein sehr ordentliches Geld. Sind Sie manchmal neidisch auf die heutigen Verdienstmöglichkeiten, denn bei Ihrem Leistungsvermögen wären Sie heute wahrscheinlich mehrfacher Millionär?

Tilkowski: Nein, ich bin nicht neidisch. Ich hatte nicht die Gnade der Spätgeburt, ich kann damit leben. Ich bin offen genug zu sagen, dass ich in der heutigen Zeit genauso um meine Verträge gefeilscht und das Geld angenommen hätte. Die heutigen Spieler müssen nur aufpassen, dass die Einstellung und die Moral unter dem vielen Geld nicht leiden. Das Gefühl hat man manchmal bei einigen Spielern, die nach einem Siegtor das Vereinsemblem küssen, und wenn sie nach Hause kommen, schon auf einem gepackten Koffer sitzen, um zum nächsten Verein zu gehen. Das ist ein großes Problem heutzutage.

Neben dem Fußballsport betrieben Sie in jungen Jahren auch Boxen. Hat Ihnen das Boxen eigentlich auch in Ihrem Torwartspiel geholfen?
Tilkowski: Für das Torwartspiel an sich nicht. Ich lernte aber sportliche Disziplin. Außerdem musste man sich alleine verteidigen, man musste alleine angreifen, man musste allein für sich trainieren. Man konnte sich nicht hinter einer Mannschaft verstecken, sondern man stand sich Mann gegen Mann gegenüber. Ich muss heute sagen, dass mir das Boxen viel für das ganze Leben gebracht hat, aber ich natürlich nie die Erfolge erreicht hätte wie im Fußball.

Das Torwartspiel hat sich verändert. Wo würden Sie die größten Unterschiede sehen zwischen dem Torwartspiel früher und heute?
Tilkowski: Wir haben ja noch einzelne Torhüter, die so spielen wie früher. Man hat früher viel mehr Wert auf die Sachlichkeit im Torwartspiel und die Strafraumbeherr-schung gelegt. Ich komme noch einmal darauf zurück, dass die Torhüter nicht mehr diese gesunde Torhüterausbildung haben, wie ich sie in früheren Jahren genossen habe, auch wenn sie viel mehr Einzeltraining bekommen. Wenn ich die vielen Tore innerhalb des 5-m-Raumes sehe, fällt mit Sepp Herbergers Satz ein, der immer zu mir sagte: „Wenn Sie eine Parade auf der Linie machen müssen, haben Sie zuvor etwas falsch gemacht“, d.h. der Torhüter ist nicht herausgekommen. Dieses Spiel vermisse ich genauso wie die Abstöße oder Abwürfe.

Sie haben in der Zeit von 1957 bis 1967 insgesamt 39 Länder-spiele für Deutschland absolviert. An welches erinnern Sie sich besonders gerne?
Tilkowski: Ich habe am 3. April 1957 mein erstes Länderspiel gemacht, was natürlich etwas Besonderes für mich war, weil ich immer davon geträumt hatte, einmal Nationalspieler zu werden. Es hat dann natürlich auch besondere Spiele gegeben wie das WM-Qualifikationsspiel gegen Griechenland in Athen, das vielleicht mein bestes Länderspiel war. Natürlich war auch das Endspiel 1966 um die Weltmeisterschaft etwas ganz Besonderes. Aber für mich war jedes Länderspiel eine Ehre und etwas Besonderes, und ich habe jedes Länderspiel genossen.

15 Jahre Torhüter sein beansprucht auch den Körper stark. Können Sie trotzdem sagen, dass Sie diese Belastungen körperlich gut überstanden haben?
Tilkowski: So wie mich die Menschen beurteilen, die ich treffe, kann man das, glaube ich, schon behaupten, wobei kleine Wehwehchen schon vorhanden sind. Ich habe vor allem größere Rückenprobleme, zu denen der Sport beigetragen hat. Dagegen bin ich auch öfters in Behandlung. Insgesamt bin ich aber zufrieden mit meiner Gesundheit, damit kann ich leben. Ich kann nur sagen, dass mir der Sport sehr viel gegeben hat.

Nach Ihrer aktiven Zeit waren Sie auch viele Jahre als Trainer tätig. Welche Zeit haben Sie als schöner empfunden, die Spieler- oder die Trainerzeit?

Tilkowski: Ich glaube, dass man es als Spieler wesentlich einfacher hat, da man nicht diese große Verantwortung hat. Man muss sich nur selbst gegenüber verantworten. Als Trainer hat man des Öfteren das Gefühl, dass man eine Fremdsprache gesprochen hat, die die Spieler gar nicht verstanden haben. Gerade in der heutigen Zeit wollen sich viele Spieler gut verkaufen, es zählt weniger die geschlossene Mannschaftsleistung, sondern es sind mehr Ich-AGs geworden. Da hat es jeder Trainer schwer, was man ja auch an den vielen Entlassungen sieht, wobei am wenigsten die Trainer daran schuld sind. Leider ist es so, dass die Spieler nicht in dieses Verantwortung genommen werden können, denn so viele können gar nicht entlassen werden, also muss es der Trainer sein. Ich habe eine herrliche Zeit als aktiver Spieler erlebt, ich habe meine Kenntnisse als Trainer weitergegeben, ich habe den Fußball rundum und in sich kennen gelernt, aber es gibt neben dem Fußball aber auch das andere Leben, das bei mir darin besteht, dass ich anderen Menschen gerne helfe.

Haben Sie eigentlich noch in irgendeiner Form mit dem Fußball direkt zu tun?
Tilkowski: Nein, direkt habe ich nicht mehr mit dem Fußball zu tun. Ich möchte es auch nicht mehr, Trainer mache ich nicht mehr. Ich bin bei einigen Gesprächen noch dabei, ich schaue mir die Spiele an und beurteile. Dabei bin ich aber nicht der Besserwisser, der vor allem nach den Spielen alles besser weiß. Ich ziehe aber meine Erkenntnisse daraus, besonders im Torwartspiel, und wenn ich manchmal die Beurteilung der Journalisten sehe, dann trennen sich ab und zu die Welten und ich habe zeitweise das Gefühl, bei einem anderen Spiel gewesen zu sein.

Die Torhüterdiskussion vor der WM 2006 zwischen Kahn und Lehmann haben Sie sicherlich auch aufmerksam verfolgt. Welche Meinung hatten Sie dazu?
Tilkowski: Ich hatte mich vor der Weltmeisterschaft bewusst dazu nicht geäußert, aber für mich stand fest – unabhängig von der Entscheidung Klinsmanns -, dass der bessere, mannschaftsdienlichere Torwart Jens Lehmann ist. Ich glaube, bei Oliver Kahn wäre es mehr eine Ich-AG-Weltmeisterschaft geworden, während sich Jens Lehmann besser in die Mannschaft integriert hatte. Er hat ja große Anerkennung während der Weltmeisterschaft bekommen, was ein großer Teil der Kritiker zuvor gar nicht wahrhaben wollte. Für mich war Lehmann immer die bessere Wahl, weil er auch so ähnlich spielt wie ich früher, aber ich hätte auch nichts gegen eine andere Entscheidung Klinsmanns eingewendet. Ich war allerdings so mehr als zufrieden.

Im Moment spielen einige Namen eine Rolle, die Nachfolger von Jens Lehmann werden könnten. Wem würden Sie in Zukunft die größten Chancen einräumen?
Tilkowski:
Wir hatten ja in all den Jahren immer gute Torhüter mit einer gewissen Qualität. Darüber hinaus hat sich dann erst gezeigt, wer sich zu einem Nationaltor-hüter entwickeln kann. Wir haben in der Bundesliga einige gute Torhüter. Ich sah vor kurzem im Länderspiel gegen Dänemark in Duisburg Robert Enke, der mir sehr gut gefallen hat, besonders seine Sachlichkeit, seine Dropkicks, seine Abwürfe. Aber auch der Schalker Manuel Neuer und der Leverkusener Rene Adler sind für mich echte Konkurrenten um die Nachfolge von Jens Lehmann.

Diese beiden jungen Torhüter stehen ja schon Wochen in der Medienwelt. Wie würden Sie als verantwortlicher Trainer mit diesen beiden Torhüterhoffnungen umgehen?
Tilkowski: Ich kann nur an die verantwortlichen sportlichen Leiter in den Vereinen und an die Eltern appellieren: Weniger kann auch mehr sein! Gebt sie der Öffentlichkeit nicht so preis, lasst sie in Ruhe sich entwickeln, gebt sie nicht den falschen Freunden in die Hand! Sie sollen sich zurückhalten, ihre Zeit kommt noch. Mit dem Alter wird auch das Einsehen wesentlich besser sein und sie sind gefestigt in ihrem Fundament.

Abschließende Frage: Welche Tipps würden Sie jungen Torhüter mit ihrer ungeheuren Erfahrung, die Sie als Spieler und Trainer gewonnen haben, mit auf den Weg geben?
Tilkowski: Wir wissen ja, dass der Torhüter ein armer Hund ist. Es wird ja eine  Statistik darüber geführt, wie viele Gegentore er kassiert hat. Wie viele Unhaltbare er gehalten hat, wird nirgendwo aufgeführt. Tatsache ist: Torwartspiel ist Mannschafts-spiel, der Sache dienend, daher vor allem Sachlichkeit. Ich zitiere einen Satz, den mir Sepp Herberger mitgab: „Nur wer von seinem eigenen Können überzeugt werden kann, kann andere dirigieren“. D.h. jeder Torhüter soll seine Meinung selbstbewusst kundtun, nicht Blabla reden oder Theater machen, sondern der Sache dienen und die Mitspieler so dirigieren und zurechtweisen, dass es der Mannschaft dient, nicht der eigenen Popolarität.

Wir möchten uns für ihre Gesprächsbereitschaft recht herzlich bedanken und haben uns sehr gefreut, dass Sie uns Rede und Antwort gestanden haben.