Interview mit Frank Lehmann
von Artur Stopper (07/2009); Fotos: goalkeeping.com
Einer der talentiertesten Torhüter seines Jahrgangs in Deutschland ist Frank Lehmann. Deshalb hat er auch bereits 2 U-18-Länderspiele für Deutschland bestritten. In der Jugendabteilung des VfB Stuttgart ausgebildet und mit einem Vertrag bis 2011 ausgestattet, wurde das Nachwuchstalent in der letzten Saison an Eintracht Frankfurt ausgeliehen. Für die kommende Saison wechselt er wiederum auf Leihbasis zum Bundesligaabsteiger FC Energie Cottbus.
Goalkeeping.com unterhielt sich mit dem Jungtalent über seine bisherigen Erfahrungen im Profibereich und seine Erwartungen an die Zukunft.
Frank, in Kürze geht die Vorbereitung auf die neue Saison wieder los. Wie hast Du die Sommerpause verbracht?
Lehmann: Die Sommerpause habe ich überwiegend im Krankenhaus verbracht, weil ich eine notwendige Operation durchführen lassen musste. Seit letzter Woche habe ich dann damit begonnen, mich wieder fit zu machen, damit ich zum Saisonstart am 29.6. gut vorbereitet bin.
Du hast noch einen Vertrag bis 2011 beim VfB Stuttgart. Aber zur kommenden Saison wechselst Du auf Leihbasis zum Bundesligaabsteiger Energie Cottbus. Was versprichst Du Dir von diesem Wechsel?
Lehmann: Ich hoffe, dass ich mich sportlich weiterentwickeln kann und eine Chance habe, mich in Cottbus zu präsentieren. Schön wäre es natürlich, wenn ich mich in Cottbus durchsetzen könnte und die Möglichkeit bekäme, in der Zweiten Bundesliga zu spielen. Außerdem hoffe ich, dass ein neuer Torwarttrainer mir noch weitere Dinge beibringt, damit ich noch einmal dazulernen und mich weiterentwickeln kann.
Bei Energie Cottbus findet gerade ein großer Umbruch nach dem Abstieg statt. Tomislav Piplica beendet seine Karriere, Gerhard Tremmel wird voraussichtlich den Verein ebenso wie Philipp Pentke verlassen. Die etablierten Torhüter verlassen den Verein, die Karten werden also neu gemischt. Ist dadurch die Chance größer, sich auf Anhieb einen Stammplatz zu erobern?
Lehmann: Sicherlich ist dadurch die Chance größer, aber geschenkt bekommt man nirgends etwas, egal wo man hin wechselt. Man muss sich alles erarbeiten. Ich werde einfach versuchen, in der Vorbereitung Gas zu geben, wie ich das bisher immer getan habe, mich reinzuhängen und meinen Ehrgeiz an den Tag zu legen. Sollte ich nicht von Anfang an spielen, so werde ich alles versuchen, dass es vielleicht während der Saison klappt. Ich werde auf diesen Zeitpunkt warten und dem Trainer zeigen, dass er in mir jemanden verpflichtet hat, der etwas drauf hat.
Seit heute steht fest, dass Dein neuer Partner in Cottbus der 30-jährige kanadische Nationaltorhüter Lars Hirschfeld sein wird, der im Nachwuchs des FC Energie ausgebildet wurde und die Rückennummer 1 erhält. Ist damit die Rangfolge auf der Torhüterposition schon vorgegeben?
Lehmann: Es ist sicherlich so, dass er aufgrund der Tatsache, dass er seine Torhüterausbildung in Cottbus erlebt hat und den Verein und das Umfeld gut kennt, gewisse Vorteile hat. Außerdem bringt er etwas mehr Erfahrung als ich mit. Er hat immerhin schon Champions-League gespielt. Sicherlich habe ich großen Respekt vor ihm, aber ich hoffe, dass ich trotzdem gute Chancen habe, wenn meine Leistungen in der Vorbereitung stimmen und ich mich entsprechend reinhänge.
Du warst bereits in der letzten Saison vom VfB Stuttgart an Eintracht Frankfurt ausgeliehen und hattest dort 15 Einsätze im Regionalligateam. Was hat Dir diese Zeit für Deine sportliche Entwicklung gebracht?
Lehmann: In Frankfurt konnte ich ca. 80-90 % meiner Trainingszeit bei den Profis mittrainieren. Durch die Zusammenarbeit mit Andy Menger und die Spieleinsätze im Regionalligateam konnte ich mich enorm weiterentwickeln. Die Spielpraxis ist in meinem jungen Alter sehr wichtig. Diese Mischung zwischen sehr gutem Torwarttraining und gleichzeitiger Spielpraxis hat einfach perfekt gepasst. Daher konnte ich mich gut entwickeln.
Durch die Verletzungen von Markus Pröll und Jan Zimmermann wurdest Du auch kurzzeitig in den Bundesligakader der Eintracht beordert. Wie hast Du diese Situation erlebt?
Lehmann: Das war natürlich Neuland für mich. Die Atmosphäre bei einem Bundesligaspiel ist logischerweise ganz anders als bei einem Regionalligaspiel vor eventuell 2000 Zuschauern. Da das Stadion in Frankfurt fast immer ausverkauft ist, sind in der Regel 50 000 Zuschauer im Stadion. Das war natürlich beim Einlaufen schon eine besondere Atmosphäre, die man als junger Spieler nicht kennt. Normalerweise sitzt man ja nur auf der Tribüne, schaut sich die Spiele an und träumt davon, mal vor einer solch großen Kulisse zu spielen. Wenn man das dann das erste Mal als Beteiligter erlebt, ist das schon ein sehr komisches, aber zugleich auch sehr schönes Gefühl. Es hat mir jedenfalls riesig Spaß gemacht und freute mich immer, wenn ich wieder im Bundesligakader sein durfte.
Highlights in Deiner noch jungen Karriere waren sicherlich Einsätze in der U-18-Nationalmannschaft. Was empfindet man, wenn man erstmals die Nationalhymne hört?
Lehmann: Ich spielte erstmals in der Türkei für die U-18-Nationalmannschaft. Nachdem wir eingelaufen waren und uns zum Abspielen der Nationalhymnen aufgestellt hatten, war es ein besonderer Moment, die Nationalhymne zu hören. Das ist ein Erlebnis, das mir keiner mehr nehmen kann. Es zittern die Knie, weil man weiß, dass man für sein Vaterland spielt. Das ist ein Erlebnis, das man auch nicht mit normalen Spielen im Verein vergleichen kann. Es war einfach ein sensationelles Erlebnis.
Du gehörst zu den größten Torwarttalenten deines Jahrgangs in Deutschland. Ist man da manchmal ungeduldig, wenn es im Erwachsenenbereich nur langsam ganz nach oben geht?
Lehmann: Ja leider, man wird schnell ungeduldig. Man vergleicht sich oft mit anderen seiner Altersstufe und fragt dann, warum der schon da ist und man selber noch nicht so weit ist, obwohl man selbst auch schon Nationalmannschaft gespielt hat. Aber es ist wichtig für junge Torhüter, Geduld zu lernen. Die meisten Torhüter, von den Ausnahmetalenten Adler und Neuer abgesehen, sind ca. 26 Jahre alt, wenn sie zur Nr. 1 gemacht werden. Man muss sich immer klar machen, dass man sich keinen Gefallen tut, wenn man als junger Torhüter hineingeworfen wird und mit der Situation dann nicht klar kommt. Auf diese Art kann die Karriere auch ganz schnell zu Ende sein. Deshalb bin ich froh, diese Geduld gelernt zu haben, weil ich ebenfalls sehr ungeduldig war. Ich weiß heute, dass alles ein Entwicklungsprozess ist, den man durchmachen muss, um dann in der Bundesliga Fuß fassen zu können. Daher ist es auch sinnvoll, vielleicht in Cottbus spielen zu können, um mich dann schrittweise an die Erste Bundesliga heranzutasten.
Du bist gerade mal erst 20 Jahre alt und am Anfang Deiner Karriere. Ist es nach Deiner Meinung für einen jungen Torhüter wichtiger, bei einem guten Torwarttrainer oder bei einem guten Verein unterzukommen?
Lehmann: Für mich ist beides wichtig. Darauf achte ich auch bei einem Vereinswechsel. Ich hatte immer sehr gute Torwarttrainer in meiner Entwicklung und bin mit gutem Torwarttraining sehr verwöhnt worden. Die ersten Schritte lernte ich bei meinem Vater, kam dann schon in jungen Jahren zum VfB Stuttgart, wo ich bei Eberhard Trautner, Martin Topp, Wolfgang Groetz und Walter Eschenbecher schon von der C-Jugend an ein hervorragendes Torwarttraining hatte und dadurch eine sehr gute Ausbildung genossen habe. Aber neben dem guten Torwarttraining müssen aber auch andere Dinge im Verein stimmen. Dieser Verein muss eine entsprechende Spielklasse haben, wo man sich entwickeln kann.
Du hast die Torwartschule des VfB Stuttgart und von Eintracht Frankfurt kennen gelernt. Gibt es da Unterschiede, und wenn, wo liegen sie?
Lehmann: Diese Unterschiede gibt es. Die Hauptunterschiede liegen in der Torwarttechnik. So werden bestimmte Bewegungsabläufe anders trainiert. Oft waren auch die Trainingsinhalte anders. Beim VfB waren z.B. auch Einheiten, bei denen ausschließlich die Sprungkraft trainiert wurde, was es in Frankfurt so nicht gegeben hat. Es wurden Sprungserien eingebaut, aber dann war auch wieder ein Ball dabei.
Wo musst Du Dich nach Deiner Meinung noch verbessern?
Lehmann: Ich muss mein Flankenspiel noch verbessern, bei dem ich noch mehr Selbstvertrauen entwickeln und mutiger sein muss. Allerdings habe ich das in Frankfurt nach meiner Meinung verbessert. Fußballerisch sehe ich mich schon sehr weit, ich kann gut mitspielen und bin eher ein Torhütertyp, der viel vom offensiven Torwartspiel hält. Auch auf der Linie schätze ich mich gut ein.
Welchem Torhüter in der Welt möchtest Du in Deinem Torwartspiel am nächsten kommen und warum?
Lehmann: Iker Casillas, weil er ein Torhüter ist, der fußballerisch sehr begabt ist, die Bälle mit links und rechts sehr präzise von hinten herausspielen kann und mutig spielt. Außerdem gefallen mir seine ganzen Bewegungsabläufe, wie er zum Ball geht, wie er sich bewegt und sich präsentiert. Das Torhüterspiel besteht ja nicht nur aus dem Fangen der Bälle, sondern es ist genauso wichtig, wie er sich präsentiert und der Mannschaft hilft, ob er am Spiel nicht teilnimmt, seine Mitspieler dirigiert und ihnen auch einmal ein Lob schenkt. Diese Aspekte halte ich bei Iker Casillas für sehr gut, und deshalb ist er auch für mich der weltbeste Torhüter. Ihm würde ich gerne am nächsten kommen.
Welche Schlagzeile wünscht Du Dir am Saisonende?
Lehmann: Für mich persönlich oder für die gesamte Mannschaft?
Ich bin für beides offen …
Lehmann: Natürlich wünsche ich mir die Schlagzeile, dass Energie Cottbus den Wiederaufstieg in die Erste Bundesliga schafft, und für mich wünsche ich, dass in den Spielberichten immer der Name Lehmann auftaucht.
Frank, Goalkeeping.com wünscht Dir dafür viel Glück und bedankt sich bei Dir für das Interview.


