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Denkende Füße, furiose Fans
Des Fußballs dunkle Seiten im Blick iberischer und italienischer Schriftsteller
Ein Beitrag von Prof. Dr. Titus Heydenreich
"Il calcio di Grazia“: Nicht gelesen, sondern vorgelesen klingt der Roman-Titel (2004) der Italienerin Giuliana Olivero doppeldeutig: „Grazias Fußball“ oder „Der Gnadentritt“. Entsprechend die Handlung, der in Ich-Form erzählte Alltag einer jungen „tifosa“ aus Turin. Beruf, Familie, Liebessehnsucht: alles fokussiert sich auf den „calcio“, auf das Schlachtenbummeln zwischen Apulien und Schottand zu jeder Jahreszeit, von dem jeweils Angehimmelten abgewimmelt, verhöhnt…
„Fußball ist auch das, was er nicht ist“: so die Quintessenz im Roman „Azzurro tenebra“ (1977) von Giovanni Arpino, in dem sich alles um die - für Italien katastrophale - WM von 1974 dreht: Spielerfrust im Trainingslager, Enttäuschung der z.T. von weither angereisten „tifosi“ (Gastarbeiter aus Belgien…), Verlegenheit der Radio-Reporter: „Wie sag ich’s meinen Hörern?“ „Azzurro tenebra“, Roman einer Niederlage, ist im Lande der beste seiner Gattung. Der Titel (wörtlich: „azzurro tiefdunkel, abendschwarz“) blieb in der Sportpresse Chiffre für schlechte Nachrichten.
Fußball gilt als stumpfsinnig, für Literatur unergiebig. Intellektuelle Hochnäsigkeit? Denn das Gegenteil trifft zu. Aus Kompetenzgründen allein auf Spanien, Lateinamerika, Italien blickend, stellen wir fest: bedeutende Autoren der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, nicht selten selber ballerfahren, nahmen sich des Themas an.
Javier Marías (geb. 1951), Real-Madrid- Anhänger seitdem er denken kann, Fußball- Kolumnist und Autor mehrerer Erzählungen zum Thema, antwortete auf die Frage: „Wie kommt es überhaupt, dass sich ein Intellektueller, ein Schriftsteller so sehr für Fußball begeistert?“: „Das ist ganz einfach: Fußball ist die allwöchentliche Wiederkehr der Kindheit“, fährt dann allerdings fort: „Man fühlt sich auch als erwachsener Fußball-Fan ganz genauso wie ein Siebenjähriger. Man wird leicht wieder zum Kind. Doch die Jahre vergehen und man schaut und schaut, und irgendwann nimmt man sich die Sachen weniger zu Herzen. Vielleicht werde ich alt. Aber das Problem ist doch wohl auch, dass manche Dinge beim Fußball immer schlimmer werden“ (Der Tagesspiegel, 5.12.2004).
Eduardo Galeano wiederum, 1940 in Montevideo geboren, hat in seinen Kurztexten mit dem signifikanten Titel „El fútbol a sol y sombra“ (1993) die Fußballwelt in die großen (und kleinen) Ereignisse der Weltgeschichte verwoben.
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