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Interview mit Claus Reitmaier (Hamburger SV)
von Artur Stopper (04/2008); Fotos: goalkeeping.com
„Es kribbelt noch sehr oft in den Fingern“
Nicht vielen Torhütern gelingt es, insgesamt 335 Bundesligaspiele zu absolvieren. Als Torhüter der Stuttgarter Kickers, des 1.FC Kaiserslautern, des Karlsruher SC, des VfL Wolfsburg und Borussia Mönchengladbach erreichte Claus Reitmaier diese außergewöhnliche Zahl. Selbst mit 42 Jahren war er bis vor kurzem noch beim norwegischen Erstligisten Lillestrom SK tätig. Nur schweren Herzens hat er seine aktive Laufbahn beendet, um seit dieser Saison als Torwarttrainer beim Hamburger SV zu arbeiten. Goalkeeping.com sprach mit ihm über seine Vergangenheit und seine neue Aufgabe als Torwarttrainer.
Claus, der HSV war im letzten Jahr zum jetzigen Zeitpunkt noch im Abstiegskampf. Inzwischen tummelt sich die Mannschaft in der Spitzengruppe der Bundesliga. Wie erklärst du dir diese Entwicklung?
Reitmaier: Ganz einfach. Da gibt es einen Namen: Huub Stevens, der ein sensationeller Trainer ist. Er ist der Beste, den ich je hatte. Das ist meine ehrliche Meinung. Er ist hundertprozentig ehrlich, korrekt, geradeaus, knallhart, macht aber auch Spaß mit den Spielern. Jeden Morgen lacht er schon, wenn er in die Kabine kommt. Wenn allerdings jemand keine Disziplin an den Tag legt, gibt es Druck. Stevens macht wirklich hervorragende Arbeit, und wer nicht mitzieht, bleibt draußen.
Ihr habt mit 19 Gegentoren nach dem FC Bayern die wenigsten Treffer in dieser Saison bekommen. Sicherlich auch ein Ergebnis der sehr guten Leistungen von Frank Rost …
Reitmaier: Nicht zuletzt von Frank Rost. Natürlich haben wir eine sehr gute Abwehr, und „die Null muss stehen“ ist ja Stevens` Grundeinstellung. Er sagt diesen Satz zwar nicht oft, aber in der Spielweise kommt seine Einstellung schon zum Ausdruck. Er hat sicherlich ein Sicherheitsdenken, aber der Erfolg gibt ihm ja recht. Frank trägt natürlich auch seinen Teil dazu bei, denn er spielt eine hervorragende Runde. Er ist im besten Torwartalter, und dies beweist er Woche für Woche.
Wie hast du es geschafft, aus Frank Rost noch einmal diese hervorragenden Leistungen heraus zu kitzeln?
Reitmaier: Da muss ich nicht mehr viel kitzeln, er weiß selbst, worum es geht. Er ist immer noch sehr ehrgeizig und will jedes Spiel gewinnen. Er hat auch eine sehr gute und positive Einstellung. Meine Aufgabe besteht eher darin, ihn bei Laune zu halten, im Training Spaß zu bringen und dafür zu sorgen, dass er sich gut fühlt.
Du hattest während deiner aktiven Zeit mehrere Vereinswechsel. Frank Rost wechselte nach 5 Jahren bei Schalke 04 in der Winterpause der vorigen Saison zum HSV. Profitiert ein Torhüter noch einmal davon, wenn er mit anderen Trainingsmethoden als den jahrelang gewohnten konfrontiert wird?
Reitmaier: Das kann möglich sein, aber ich weiß natürlich nicht, wie er mit Oli Reck in Schalke trainiert hat. Mit Sicherheit mache ich manche Dinge anders, aber ob diese anderen Trainingsübungen Frank weiter voranbringen, kann ich schlecht beurteilen.
Setzt es außerdem Leistungsreserven frei, wenn sich ein Spieler in einem neuen Verein noch einmal neu beweisen muss?
Reitmaier: Absolut! Vor allem bei Frank ist es ja so gewesen, dass er in Schalke mehr oder weniger aussortiert wurde. Daher ist es für ihn sicherlich eine besondere Genugtuung, weiter auf so hohem Niveau in der Bundesliga zu spielen.
Du warst fast 20 Jahre im Profigeschäft dabei. Welche Charaktereigenschaften hältst du aufgrund deiner umfangreichen Erfahrungen bei einem Torhüter für besonders wichtig?
Reitmaier: Selbstkritik, Selbstvertrauen und Trainingsfleiß. Das sind die drei Eigenschaften, die für mich ganz oben anstehen und daher am wichtigsten sind.
Huub Stevens sagte einmal anschaulich: „Zwischen den Ohren wird ein Spiel entschieden.“ Glaubst du auch an die Macht des Gehirns?
Reitmaier: Absolut! Ich glaube sogar, dass der Anteil bei einem Torhüter noch deutlich höher ist als bei einem Feldspieler. Torhüter und Stürmer liegen hier sehr nahe beieinander, da beide in einer Minute zum Helden oder Deppen werden können. Daher hatte ich in meiner Karriere immer die besten Verhältnisse zu Stürmern. Für mich werden Spiele zu 70 -80 % im Kopf entschieden. Natürlich müssen die Qualitäten vorhanden sein, das ist die Grundvoraussetzung, aber bei ungefähr gleicher Ausgangslage entscheidet die mentale Stärke.
Du sagtest gerade, dass sich Fehler bei Torhütern viel negativer auswirken. Wie bist du in deiner aktiven Zeit mit Fehlern umgegangen?
Reitmaier: Richtig gute Torhüter schaffen es, auch nach einem Fehler trotzdem ein gutes Spiel zu machen. Man muss den Fehler natürlich zunächst verdrängen können und dann trotzdem in der Lage sein, selbst nach einem gravierenden Fehler schwierige Bälle zu halten. Das ist eine mentale Stärke, die ein Torhüter braucht.
Deine aktive Zeit ist erst vor kurzem zu Ende gegangen. Mit fast 42 Jahren wurdest du noch zum besten Torhüter der norwegischen Liga gewählt. Wie schwer ist dir der Abschied von der Rolle des Torhüters gefallen?
Reitmaier: Der fällt mir noch jeden Tag schwer. Es kribbelt mich noch sehr oft in den Fingern bei den Trainingseinheiten. Ich würde mich sehr gerne noch viel öfter im Training ins Tor stellen. Ab und zu darf ich noch, aber nachdem ich nun fast 2 Jahre nicht im Tor trainiert habe, ist es natürlich schwieriger geworden für mich. Da muss man schon einen sehr guten Tag erwischen, dass es gut läuft, oder man müsste öfters dran sein. Einmal hatte ich z.B. eine Woche auf Profiniveau trainiert, da lief es am Ende der Woche super. Wenn ich mich aber nur alle paar Wochen mal ins Tor stellen darf, brauche ich schon viel Glück, dass ich noch gut halte. Es ist natürlich klar, dass einem da mehr Fehler passieren man ist logischerweise ja nicht mehr so richtig fit. Aber ganz klar: Ich würde gerne noch öfters im Tor stehen, gar keine Frage.
Welcher Bereich fehlt dir am meisten von deiner aktiven Spielerzeit?
Reitmaier: Wirklich alles. Ich hatte Spaß am Training . Ich kann an einer Hand abzählen, wann ich in den 20 Jahren keine Lust auf Training hatte. Ich freute mich selbst mit 42 Jahren noch auf jedes Training. Als ich in Norwegen eine kurze Zeit in diesem fortgeschrittenen Alter noch einmal eine Woche aushalf, trainierte ich jeden Tag 2 mal um wieder fit zu werden. Der Trainer forderte mich auf, weniger zu trainieren, damit ich nicht am Wochenende kaputt war, da ich ja zuvor über ein halbes Jahr kein Training mehr gehabt hatte. Aber von Trainingseinheit zu Trainingseinheit wurde ich frischer anstatt müder. Er versprach mir, mich irgendwann einmal wegen dieser professionellen Einstellung als Torwarttrainer zu holen.
Natürlich fehlt mir auch das überragende Gefühl, vor über 70 000 Zuschauern zu spielen. Und unhaltbare Bälle zu halten.
Was empfindest du in deiner neuen Rolle als TW-Trainer angenehmer als in der Spielerrolle?
Reitmaier: Ganz sicher der fehlende Druck. Ich war ja nie nervös vor einem Spiel, aber je älter ich wurde, desto größer wurde der Druck. Wenn dir in jungen Jahren einmal ein Fehler ohne größere Folgen passierte, interessierte sich niemand dafür. Wenn du aber mit 40 Jahren noch im Tor stehst, darfst du dir nicht den kleinsten Fehler erlauben, denn es heißt sofort, dass du zu alt bist.
Da wurde der Druck schon sehr groß. Aber ich hätte diesem Druck stand gehalten und auch noch gerne mit 44 Jahren gespielt, keine Frage.
Was hast du denn empfunden, als Dirk Heinen für Arminia Bielefeld vor kurzem nach dem Ausfall der beiden Torhüter noch einmal reaktiviert wurde?Reitmaier: Klasse! Ich habe mich sogar richtig für ihn gefreut, weil das eine schöne Sache ist. Ich hatte etwas Ähnliches erlebt, als ich noch einmal für kurze Zeit nach Norwegen zurückkehrte.
Mit dem VFL Wolfsburg spielte ich einmal mit 39 Jahren in Leverkusen. Beim Einlaufen drückte mich plötzlich jemand von hinten an sich. Ich drehte mich um, es war Toni Schumacher. Er sagte mir, dass er es toll finde, dass ich immer noch dabei sei. Ich solle so lange spielen, wie ich könne, da es nichts Schöneres gebe.
Gibt es Aspekte bei deiner Arbeit als Torwarttrainer, die du vor deiner neuen Aufgabe anders eingeschätzt hattest?
Reitmaier: Nicht unbedingt. Man muss schon jeden Tag Überlegungen anstellen, welche Übungen man durchführt. Ich hätte zuvor nicht geglaubt, dass man sich so viel überlegen muss, um die Jungs bei Laune zu halten. Bei Frank ist das sicherlich noch etwas schwieriger als bei den anderen, da muss man sich schon noch mehr Gedanken machen. Wenn ich nur solche Torhüter hätte, wie ich als Spieler war, hätte ich überhaupt keine Probleme, denn mit mir hätte man alles trainieren können solange es der Sache diente.
Bist du eigentlich nur für die Ausbildung der Profitorhüter zuständig oder auch für die Ausbildung der Nachwuchstorhüter?
Reitmaier: Ich bin für das Training der Profitorhüter und der Torhüter der zweiten Mannschaft zuständig, nicht hingegen für das Training der A-Jugendlichen. Darum werde ich mich aber spätestens ab der neuen Saison kümmern, denn das ist ja auch wichtig. Die Torhüter der zweiten Mannschaft kommen 1x pro Woche zu mir, um mit mir zu arbeiten.
Claus, wir von Goalkeeping.com bedanken uns recht herzlich dafür, dass du uns für das Interview zur Verfügung standest, und wünschen dir, dass irgendwann einmal alle drei Torhüter des HSV ausfallen und du dadurch noch einmal die Chance bekommst, in einem Bundesligaspiel anzutreten. (Claus lacht)
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