Claudio Rapacioli
(Brescia Calcio)

Brescia Calcio ist einer der ganz frühen Fußballklubs in Italien. Zwar bereits im Jahr 1911 gegründet, aber irgendwie hat es der Verein nie geschafft über sein Image als "Fahrstuhlsmannschaft" hinweg zu kommen. Dennoch: Brescia hat eine sehr bemerkenswerte Leistung geschafft: Brescia hat 3 Torhüter im Profikader, die alle sog. "Eigengewächse" sind, also aus der eigenen Jugendarbeit kommen.

Seit 2002 ist Claudio Rapacioli Torwarttrainer der Nachwuchskeeper bei Brescia Calcio, seit Februar 2006 ist er auch verantwortlich für die Keeper des Profi-Kaders.

Claudio, worauf legst Du bei den technischen Fertigkeiten eines Torwarts besonders viel Wert?

Claudio Rapacioli: Heutzutage muss ein Torwart auch mit seinen Füssen den Ball gut beherrschen. Es kommt sehr häufig vor, dass der Torwart ausserhalb des 16-Meter Raumes oder von Teammitgliedern zurückgespielte Bälle sauber verarbeiten muss. Er muss in der Lage sein, den Ball unter Druck anzunehmen und den nächsten Angriff mit einem präzisen Paß einzuleiten.

Du legst offensichtlich sehr viel Wert auf gedanklich-schnelles Verarbeiten der Situation, die richtige Körperhaltung (einen niedrigen, aber nicht zu niedrigen Schwerpunkt), sowie schnelle Beinarbeit. Warum ist das aus Deiner Sicht heraus so wichtig?

Claudio Rapacioli: Du wirst einen Torwart selten bei einer Parade sehen, die er aus dem Stand heraus macht. Da er auf die Entwicklung im Spiel reagiert, ist er eigentlich immer in Bewegung. Er muss sich ständig sowohl entlang der vertikalen, als auch horizontalen Bewegungsachse positionieren.

Wo siehst Du die größten Schwierigkeiten in der Ausbildung zu einem TOP-Torwart?

Claudio Rapacioli: Die meisten Probleme, denen sich junge Torhüter stellen müssen, sind in Verbindung mit der Antizipation, der Vorahnung für eine gelungene Parade. Es gibt im Wesentlichen zwei Phasen einer Parade: die Vorausahnung und die Umsetzung. Die Antizipation/Vorausahnung hängt von einer ganzen Reihe von Faktoren ab: Deiner Startposition, Deiner Körperhaltung und Deinem Bewegungsablauf. Viele Fehler können durch kontinuierliche Arbeit an diesen drei Leistungsfaktoren eliminiert werden.

Es ist recht auffällig, dass Du fast immer kurze Übungen durchführen läßt, bei denen stets drei oder vier Variationen vorkommen. Weshalb das?

Claudio Rapacioli: Nun, man muss nur einen kleinen Parameter verändern, um es zu einer für den Torwart völlig anderen Übung werden zu lassen. Wenn ich die Jungs exakt dieselbe Übung sieben mal durchführen lasse, so wird der erste Durchgang sehr gut, der zweite noch gut aber die Aufmerksamkeit der Torhüter wird ständig abnehmen, so dass die siebte Durchführung im Extremfall völlig falsch umgesetzt wird. Wenn der Torwart es aber gewohnt ist während des gesamten Trainings hochkonzentriert zu arbeiten, so wird es ihm auch in einem Wettkampfspiel viel leichter fallen.

Deine Trainingsformen haben stets Überraschungsmomente für die Torhüter: nach drei harten Schüssen kommt von Dir plötzlich ein Rückgabe-Kuller-Ball...

Claudio Rapacioli: ...klar, ein Torwart muss immer reagieren. Im Spiel kann immer mal die Situation entstehen, dass ein Schuß abgefälscht wird, der Torwart sich aber schon zum Hechten entschlossen hat und nun blitzschnell reagieren muss.

Wie wichtig ist für Dich die Kommunikation des Torwarts mit dem Rest der Mannschaft?

Claudio Rapacioli: Ein konzentrierter Torwart ist einer der das Spiel lesen kann, der das Spiel beobachtet und mit seiner Abwehr spricht, sie richtig positioniert. Ein Torwart, der das nicht macht hat eine unorganisierte Abwehr vor sich und muss vielleicht 10 Schüsse abwehren. Wenn er gut im lesen eines Spiels und der Kommunikation ist, wird er seiner Abwehr helfen die Situationen schon vorher zu bereinigen und so in letzter Konsequenz vielleicht nur noch 5 Schüsse abwehren muß. Also hat ihm das lesen des Spiels und die richtige Kommunikation mit seinem Team 50% der möglichen Schüsse auf sein Tor erspart.

Was hältst Du von Videounterstützung im Torwarttraining?

Claudio Rapacioli: Für mich ist das ein immer wichtiger werdendes Hilfsmittel für Trainer. Ich nehme meine Jungs im Spiel auf Video auf und einmal im Monat kommt jemand, um das gesamte Training zu filmen. Wenn ich die Torhüter in einer normalen Trainingseinheit korrigiere und sie auf Fehler hinweise dann hilft das. Wenn wir das aber anhand einer Videoaufnahme besprechen und sie sich selbst dabei sehen können, dann trifft das genau den Punkt.

 


Interview vom Mai 2006