Hurrapatriotismus Rowdytum als Begleiterscheinung des Fußballs weist in seiner englische Variante Besonderheiten auf, die mit den eher abgegriffenen Ausdrücken hooliganism, oaf ‚Flegel’, oafishness ‚flegelhaftes Benehmen’ nicht mehr adäquat beschrieben werden. Immer häufiger tauchen thug ‚Schläger’, thuggish ‚gewalttätig, brutal’ und jingoism ‚Chauvinismus’ auf und, besonders bei internationalen Veranstaltungen und im Ausland, das, was The Daily Telegraph in seinem Leitartikel am 16. 6. 1998 ‚pervertierten Patriotismus’ nannte. Im selben Jahr (3. 4. 1998) veröffentlichte The Guardian die Ergebnisse einer Studie, derzufolge 61 Prozent der englischen Männer den Sport aufregender (more exciting) finden als ihre Beziehungen zum anderen Geschlecht, zwölf Stunden pro Woche Sportveranstaltungen im Fernsehen verfolgen und dabei besonders viel Alkohol konsumieren.

Die englische Regenbogenpresse (Sun, Daily Mirror, Daily Star) ist traditionell viel aggressiver als vergleichbare Erzeugnisse im Ausland und kontrastiert stärker zur weltweit geschätzten seriösen Presse des Landes (The Independent, The Daily Telegraph, The Guardian, The Times). In diesem Teil der Presse spiegelt die Stimmungsmache gegen Deutschland das, was The Independent (25. 6. 1996) in einem Artikel mit der Überschrift ‚Don’t be beastly to the Germans’ prägnant und passend so charakterisiert: ‚For us Germany remains a land apart, little visited and less understood’.

Mit Deutschland verbundene Assoziationen lassen sich leicht auf den 2. Weltkrieg und den Nationalsozialismus verengen. Schon einzelne deutsche Wörter erwecken Abscheu, ähnlich wie Symbole des Nationalsozialismus und Militarismus. Wenige Beispiele aus der Zeit der EM 1996 mögen genügen. The Daily Star forderte auf: ‚Herr we go’. (In Anspielung auf den englischen Ausdruck ‚here we go’ [Jetzt geht’s los]). ‚Bring on the Krauts.’ [Macht die Deutschen fertig]. Noch rüder war vor dem EM-Spiel England-Deutschland der Daily Mirror: ‚Achtung! Surrender [ergebt euch] For you Fritz, ze Euro 96 Championship is over’. Eingerahmt von den beiden Sprüchen sind die Karikaturen von zwei deutschen Spielern mit Stahlhelm und weit aufgerissenem Mund zu sehen. Man beachte das Wörtchen ze, eine den Deutschen unterstellte Falschaussprache des englischen Artikels the. The Daily Mirror erklärte: ‚Football war on Germany’. The Daily Star: ‚Watch out Krauts. England are gonna bomb you to bits’. The Sun: ‚Let’s blitz Fritz’.

Selbstkritisches
In Deutschland werden solche Bösartigkeiten nur selten registriert. So bleibt es den in England lebenden Deutschen, vor allem aber der englischen Qualitätspresse vorbehalten, darauf zu reagieren. Das Goethe-Institut macht es besonders geschickt, wenn es z. B. nach der 1:5-Niederlage Deutschlands im 2. Qualifikationsspiel zur WM 2002 humorvoll und selbstironisch wirbt: ‚5:1 Learn German (There’s nothing to lose.)’

Die wichtigste Aufklärungsarbeit wird allerdings vom seriösen Teil der englischen Presse geleistet. The Independent, The Guardian, The Daily Telegraph, seltener auch The Sunday Times widmen dem Thema viel Raum. Dabei geißeln sie die Exzesse der Regenbogenpresse genauso wie die Ausschreitungen englischer Hooligans bei Spielen im In- und Ausland. Sie erledigen diese Aufgabe vorbildlich, indem sie versuchen die thug culture [Schlägertypenmentalität] im größeren Zusammenhang darzustellen und zu erklären. Es ist erstaunlich, wie kritisch und schonungslos sie dabei mit Fehlern, Vorurteilen und Ignoranz der eigenen Landsleute umgehen und wieviel Positives über Deutschland zu lesen ist. In seinem Beitrag ‚It’s time to say „we like the Germans“’ vom 25. 6. 1996 lobt The Independent Deutschland als friedfertiges, demokratisches Land, das großzügig Entwicklungshilfe leistet und eine liberale Einwanderungspolitik betreibt. Es sei ein wohlhabendes, kultiviertes Land, in dem viele Menschen gutes Englisch sprechen. Schließlich darf auch der Hinweis auf die großartige deutsche Klassik, vor allem in der Musik, nicht fehlen.

The Sunday Telegraph fragt am Vorabend des WM-Endspiels Deutschland-Brasilien (30. 6. 2002): ‚What is wrong with us British that we have such primitive and outdated attitudes?’ und sieht die Antwort darin, dass die Briten gegenüber Nachkriegsdeutschland einen Minderwertigkeitskomplex entwickelt haben, die einzigen Anspielungen, die sie verstehen, die aus der Zeit von 1933 bis 1945 seien und selbst gebildete Briten das Land heute weder bereisen noch seine Sprache und Literatur kennen.

Noch härter mit den eigenen Landsleuten geht ein Leitartikel des Daily Telegraph vom 16. 6. 1998 ins Gericht, wenn er die Gleichung aufmacht: wir Fans identifizieren uns mit der englischen Mannschaft. Wer die schlägt, beleidigt uns, beleidigt England. Und er gibt Politikern eine Mitschuld, wenn sie Popularität durch Nähe zu prominenten Spielern erheischen. Selbst die Königin wird von der Kritik nicht ausgenommen. Warum, wird gefragt, musste sie Geoff Hurst 30 Jahre nach dem WM-Finale für sein umstrittenes Tor zum Ritter schlagen?

Stimmungswende
Die Aufklärungsarbeit der seriösen Presse allein wird die Situation nicht ändern. Der Sport und die Sportler selber, pikanterweise gerade die, gegen die sich die Ausfälle häufig richteten, Schwarze oder Deutsche, tragen zu einer Stimmungswende bei. Im Tennis haben Steffi Graf und Boris Becker große Erfolge gerade in England errungen und sind dort populär. Und dem damals für den englischen Erstligisten Tottenham Hotspur spielenden Jürgen Klinsmann widmete The Independent (25. 10. 1994) einen ausführlichen Artikel, der in solchen euphorischen Phrasen wie ‚Jürgen Klinsmann, Tottenham’s international Mr Clean’ und ‚What a gentleman’ gipfelt. Überhaupt erfährt der englische Leser nur Positives: Klinsmann spendet für Greenpeace, nimmt für Interviews kein Geld, ist zu jedermann freundlich, ja, er sei eigentlich wie ein Engländer ein ‚fair-playing, good-living sportsman’. Sein sonst perfektes Englisch bleibt dennoch verbesserungswürdig: ‚some "v"s coming out as "w"s so that volley sounds like wally’. Aber das ist nicht bösartig gemeint.

In der Tat trägt die Internationalisierung der Vereinsmannschaften zum Abbau von Rassismus und Hurrapatriotismus, auch in England, bei: Wenn Anhänger sich mit Mannschaften identifizieren, in denen sie immer mehr Schwarze und Ausländer vorfinden, wenn ursprünglich rein katholische oder protestantische Mannschaften diese Grenzen längst fallen gelassen haben, wenn Berti Vogts der erste ausländische Manager der schottischen Nationalmannschaft wird und ihm The Guardian einen langen Beitrag widmet (25. 10. 1999) oder Kevin Keegan, der jahrelang als Engländer beim Hamburger SV gespielt hatte, die englische Nationalmannschaft trainiert. Die Liste wird immer länger werden. Transparente wie das, das die Anhänger von Leeds United 1975 zum Europapokalendspiel gegen Bayern München mitgebracht hatten, nämlich ‚We won the war we’ll win the cup’, erledigen sich dann von selbst, wenn weder auf der einen noch auf der anderen Seite Spieler der ehemaligen kriegführenden Nationen stehen.

Dr. Hubert Gburek ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Lehrstuhls für Anglistik, insbesondere Linguistik am Institut für Anglistik der Universität Erlangen-Nürnberg.

Quelle: "uni.kurier.magazin 106, Universität Erlangen-Nürnberg"